165 000 Personen im Jahr (frei von dieser Beschränkung sind
Kanada und Mexiko) zulässig, gegenüber mehr als einer Million
jährlich im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts vor dem Kriege.
In der europäischen Arbeiterschaft wird den amerikanischen Ge-
werkschaften ihre Stellungnahme zum Einwanderungsproblem
stark verdacht. Doch wird man zugeben müssen, dass die unbe-
schränkte Einwanderung tatsächlich eine ernst zu nehmende und
wachsende Gefahr für die amerikanischen Arbeiter bedeutet. Sie
konnten ihren wesentlich höheren Lebensstandard im Vergleich
zu dem europäischen zwar erringen und aufrechterhalten trotz
unbegrenzter Einwanderungsmöglichkeit. Die gegenwärtige wirt-
schaftliche Zerrüttung Europas, von der sich die augenblickliche
Wirtschaftsblüte in den Vereinigten Staaten um so krasser abhebt,
bedeutet aber eine wesentliche Steigerung der Gefahr. Noch mehr
aber ist es der innerwirtschaftliche Umschichtungsprozess, der
sich in den Vereinigten Staaten vollzieht, der die Gewerkschaften
zwingt, der Einwanderungsfrage erhöhte Aufmerksamkeit zu
widmen. Wie war es überhaupt möglich, dass in diesem Lande
trotz eines riesenhaften und ununterbrochenen Zustromes mittel-
loser Arbeitsuchender und zu einer Zeit, als die Gewerkschaften
noch zu schwach waren, um die natürliche Auswirkung des Ge-
setzes von Angebot und Nachfrage für den Preis der Arbeitskraft
wesentlich korrigieren zu können, die Löhne verhältnismässig hoch
bleiben konnten? Die Erklärung dafür dürfte in erster Linie in
den besonderen Verhältnissen der amerikanischen Landwirtschaft
zu finden sein. Anders als in den übervölkerten und landhungrigen
europäischen Ländern bot die schier unbegrenzte Weite der neuen
Welt leichte Möglichkeiten, Grund und Boden zu erwerben und
in landwirtschaftlicher Tätigkeit eine ausreichende Existenz zu
finden. Das bedeutete eine kräftige Entlastung für den gewerb-
lichen Arbeitsmarkt und einen natürlichen Schutzwall gegen ein
Sinken der Arbeitslöhne: In der Industrie mussten mindestens die
gleichen Existenzmöglichkeiten geboten werden, die in der Land-
wirtschaft zu erreichen waren.
Die Lage der amerikanischen Landwirtschaft hat sich nun aber
andauernd verschlechtert. Herrenloses Land ist nicht mehr ver-
fügbar, und die Methode der extensiven Wirtschaft auf ijung-
fräulichem Boden lässt sich nicht in alle Ewigkeit fortsetzen. Ohne
hier den Gründen dieses Umschwunges näher nachzugehen, genügt
für unsere Betrachtungen die Feststellung, dass nach der Statistik
in der Zeit von 1913 bis 1922 bei einer allgemeinen Preissteigerung
von 60 Prozent die Löhne in der Industrie um über 100 Prozent,
in der Landwirtschaft aber nur um 37 Prozent gestiegen waren.
Diese Senkung des realen Einkommens in der Landwirtschaft
konnte nicht ohne Folgen für die berufliche Gruppierung bleiben.
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