Neben einem allgemeinen Gesichtspunkt kann also der niedrigere Lohn
der eingewanderten Arbeiter ein ökonomischer Nachteil sein, da er nicht
nur eine verminderte Kaufkraft dieser Verbraucher und so eine geringere
Güternachfrage bedeutet, sondern den technischen und wissenschaftlichen
Fortschritt hemmt, der für bessere und billigere Erzeugung unent-
behrlich ist.“
Wir wissen nicht, ob auch politische Motive für diese Stellung-
nahme mit entscheidend waren. Aber auch wenn dies der Fall
wäre, würden die allgemeinen Gesichtspunkte, die über die Be-
deutung der Lohnhöhe in der Volkswirtschaft geltend gemacht
werden, an Richtigkeit nichts einbüssen. In der Tat ist das Hoch-
treiben der Löhne, vom kapitalistischen Unternehmertum zumeist
als eine gemeingefährliche Bedrohung der Wirtschaft und des
Allgemeinwohls bezeichnet, das allerwichtigste Mittel zur Hebung
und Verbesserung der Wirtschaft. Umgekehrt sind niedrige Löhne
nicht nur ein sozialer, sondern auch ein ökonomischer Fluch.
Ungewohnt für uns ist es nur, solche vernünftigen Ansichten bei
einer so autorisierten Unternehmerinstanz zu finden. Sie bedeuten
die glänzendste Rechtfertigung der Gewerkschaftsbewegung, die
damit selbst von ihrem Gegner im sozialen Kampf die wenn auch
wohl ungewollte Anerkennung bekommt, dass ihre Tätigkeit für
die Hebung der Löhne zu den notwendigsten und wertvollsten
Funktionen in der Volkswirtschaft gehört.
9. Das Label.
Eine Eigenart der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung ist
die Anwendung des „Label“, des gewerkschaftlichen Schutz-
zeichens, durch das für den Konsumenten kenntlich gemacht werden
soll, ob eine Ware zu gewerkschaftlichen Bedingungen hergestellt
worden ist. Die Erfindung dieser Idee wird den Carpenters von San
Francisco zugeschrieben, die es im Jahre 1869 in einer Kampagne
für den Achtstundentag einführten. Allgemein bekannt wurde dieses
Mittel dann aber erst mehrere Jahre später, als die Zigarrenmacher
von der Westküste sich seiner bedienten. In diesen Beruf waren
chinesische Arbeiter eingebrochen, die von gewissenlosen Fabri-
kanten zu unglaublich niedrigen Löhnen, aber auch unter Miss-
achtung der einfachsten sanitären Massnahmen ausgebeutet wurden.
Angesichts der Gefahr, von dieser Konkurrenz völlig verdrängt zu
werden, gingen die Zigarrenmacher von San Francisco dazu über,
ihre Erzeugnisse mit einer Schutzmarke zu versehen und im ganzen
Lande eine Propaganda zu entfalten, um die Gesundheitsschädlich-
keit derjenigen Zigarren, die kein Label trugen und also wahr-
scheinlich von den unsauberen chinesischen Kulis hergestellt waren,
in das rechte Licht zu rücken. Die Methode eines solchen sanitären
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