Full text: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

Deutschland stattgefunden hat —, sondern eine Auseinanderziehung 
eingetreten. 
Die Krise warf in den Vereinigten Staaten den Preisindex ge- 
waltig nach unten. Es mussten auch viele Löhne weichen. Dort, wo 
die Gewerkschaft hinter ihnen stand, ist es zum Teil gelungen, diese 
rückläufige Bewegung so stark abzubremsen, dass an einzelnen 
Stellen die Lohnkurve die Indexkurve zu überschneiden vermochte! 
In diesen Fällen trat eine reale Verbesserung des Lebensstandards 
(des Sozialniveaus) ein. Bei den Massen der ungelernten (unorga- 
nisierten) Arbeiter wirkte sich die Wucht des Preisrückschlages in 
den Löhnen deswegen besonders stark aus, weil zugleich infolge 
der Agrarkrise die Landwirtschaft viele Hände frei gab und heute 
noch frei gibt, die in die Industrie zur ungelernten Arbeit drängen. 
Das wirkt lohndrückend. Aus dieser doppelten Bewegung (Lohn- 
rückgang aus Preisrückgang und Lohndruck aus Überangebot von 
Arbeitskräften) blieb es nicht nur bei der grösseren Spannung 
zwischen den unteren und mittleren Arbeiterschichten, sie hat sich 
noch vergrössert. 
Die psychologische Auswirkung dieser Tatbestände ist recht ein- 
deutig: Je tiefer man in den einzelnen sozialen Arbeiterschichten 
der Vereinigten Staaten vordringt, um so grösser ist die Un- 
zufriedenheit, die Verbitterung. Überall wurde bestätigt, dass dieses 
Grollen derer, die im Schatten leben, heute vernehmlicher ist 
als vor dem Kriege. Bei uns in Deutschland ist die Not ebenfalls 
hörbarer als vor dem Kriege. Es mögen andere Ursachen als in 
Amerika dabei noch mitsprechen, aber es sind die gleichen Wir- 
kungen wie in den Vereinigten Staaten. 
Davon kann also nicht gesprochen werden, dass der amerika- 
nische Arbeiter zufriedener sei als der deutsche Arbeiter, und dass 
daraus dessen höhere Arbeitsleistung mit erklärt werden könne. 
Richtig mag sein, dass die Auslösung der Unzufriedenheit bei den 
deutschen und den amerikanischen Arbeitern von unterschiedlicher 
Art ist. Drüben herrscht in breiten Arbeiterschichten starke Ver- 
bitterung darüber, dass ihre Arbeit ihnen nicht die Möglichkeit einer 
anständigen Behausung — in amerikanischem Sinne — zu gewähren 
vermag; bei uns ist der Arbeiter verbittert, weil ihm sein Lohn nicht 
einmal das Geld für die Milch der Kinder und für die notwendigen 
Stiefelsohlen abwirft, und weil man ihm zugleich noch eine ver- 
längerte Arbeitszeit zumutet. 
Was würden unsere deutschen Arbeitgeber sagen, wenn ihre 
bestbezahlten Arbeiter ebenso wie amerikanische Bauarbeiter oder 
Tischler nicht einmal mit der44-Stunden-Woche „zufrieden“ wären, 
sondern die 40-Stunden-Woche diskutierten? 
Wie man die Frage nach der Stimmung des Arbeiters auch be- 
trachtet, man kommt auf Grund der deutschen und der amerika- 
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