Full text : Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

nahme jener Maschine, die in Amerika bei 9000 Motoren als Tagesproduktion
 (Ford) dem ständigen Zwang weiterer technischer Ausgestaltung
 unterliegt, würde in dem Zwickauer Automobilbetrieb
nicht nur etwas technisch Wesensifremdes, sie würde auch ein
Element der Unrationalität sein. Für 359 Tage im Jahre hätte .sie
keine Arbeit.
Man kann nicht in der Technik eines Landes vergegenständlichten
Geist und Wirtschaftszustand dadurch für sich mobilisieren, dass
man in diesem Lande einfach die modernsten Maschinen kauft und
mit nach Hause nimmt. Damit wäre dasselbe getan, was Goethe in
seinem „Faust“ durch Mephistopheles dem Studenten einredet. Der
glaubt ja auch, dass er das Wissen besitze, wenn er es schwarz auf
weiss nach Hause trage. Die deutsche Wirtschaft wird nicht dadurch
die amerikanischen Produktionsmethoden und Arbeitsresultate erzielen,
 dass sie in den Vereinigten Staaten einzelne Maschinen kauft
oder besondere und auffällig glückliche Teillösungen der Produktionspraxis
 kopiert. Maschinen sind nicht Ursache, sondern
Folge, sie sind nicht nur Voraussetzungen zur Weiterentwicklung,
sie verlangen auch Voraussetzungen.
Aus diesen Gründen ist es auch verständlich, dass wir so viele
uns bekannte Maschinen und sogar deutsche Maschinen sahen. Es
ist tatsächlich so, dass dort, wo die amerikanische Warenproduktion
nicht besondere, für uns mehr oder weniger unbekannte Aufgaben
entwickelt hat oder gestellt bekommt, sie fechnisch mit den
deutschen Produktionsstätten durchaus verwandt ist.
Die Bestrebungen der amerikanischen Unternehmer, zu höherer
Produktivität, zu optimalen Leistungen zu kommen, liegen auch
dort, wo die Betriebe den unsrigen verwandte Aufgaben haben,
weniger auf technischem und mehr auf organisatorischem Gebiet.
Erst dort, wo sie Aufgaben lösen müssen, bei denen die Kapazität
der technischen Apparatur allein bei aller Organisation nicht ausreicht,
 erst da legt sich das Schwergewicht auf den Versuch der
technischen Lösung. Sie bleibt dann aber immer mit dem organisatorischen
 Element eng verbunden.
Der Inbegriff der modernsten amerikanischen technischen Organisation
 ist heute für Deutschland das, was Ford von Detroit aus
geschaffen hat. Hier ist eine nähere Darstellung notwendig.
Das Auto ist keine einfache Ware, sondern ein ausserordentlich
kompliziertes, sowohl im Material wie in der Herstellung auffällig
vielgestaltiges Produkt. Man denke daran, dass dabei Eisen, Holz,
Leder und Glas, Kupfer für den Magneten, Polsterung für die Sitze,
eine Maschine zum Antrieb (der Motor), ein komplettes Kraftübertragungssystem
 und viele sonstige Spezialprodukte (Gummireifen,
 Laternen usw. usw.) notwendig sind. Eigentlich ist das
Auto überhaupt nichts anderes als das Resultat der Zusammen-59


            
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