Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Prosa in naturalistischer Malerei schroff und eckig fast jedem 
Rucke der seelischen Zusammenhänge folgt, so rundet der Vers 
ab, typisiert, fordert längeres Verweilen und verlangt, daß 
seine Musik in idealistischer Stimmung ausklinge. 
Anders in gewissem Sinne und doch nicht minder typisch 
im Verhältnis zu Sturm und Drang verlief die Entwicklung 
in den Dramen Schillers. Schiller heißt in der Entwicklung 
der deutschen Dichtung der verkörperte, rücksichtslos nach Luft 
und Leben ringende dramatische Instinkt, heißt entschlossenste 
Führung der Handlung, heißt Steigerung der dramatischen 
Effekte aufs äußerste. Konnte sich eine solche Begabung mit 
bloßer Szenenbildung begnügen? Sie war von vornherein 
jedem zerstückelten Momentbild feindselig, sie verlangte ab— 
gerundete Szenen, Szenengruppen, straffe Architektonik des 
Ganzen. Und wir vermögen zu sehen, wie der Dichter, frei⸗ 
lich am Schlusse der Zeit des Sturmes und Dranges, im 
rechten Entwicklungsaugenblick, mit Entschiedenheit in diesem 
Sinne vordringt. In den „Räubern“ ist seine Kunst noch un⸗ 
reif; bei allem erstaunlichen Sinne für Bühnenwirksamkeit 
und bei aller Sicherheit in der Führung der Handlung laufen 
Abgerissenheiten und Lücken unter, die nicht umhin können 
für die Gestalten zu Aufdringlichkeit der Motivierung, ja zu 
groben Unwahrscheinlichkeiten ihres inneren Handelns zu führen. 
Schiller hat das mit der Ehrlichkeit der Selbstkritik, die eine 
der auffallendsten Seiten seines Charakters ist, wohl erkannt; 
in seiner mit dem Stücke fast gleichzeitigen Selbstrezension be— 
zeichnet er Franzens Intrige als „plump und vermessen, aben— 
teuerlich grob und romanhaft“, und begreift, wie diese grobe 
Intrige als alten Moor nur einen mehr als schwachköpfigen und 
unwahrscheinlich gutmütigen Greis habe vertragen können. 
In den angedeuteten Zusammenhängen offenbarte sich aber 
auch zum erstenmal eine Schwäche der geistigen Konstitution 
Schillers, der er niemals ganz Herr geworden ist. Die unserer 
Einsicht teilweise noch zugängliche Arbeit des Dichters an zahl— 
reichen Dramenfragmenten ergibt, daß er in diesen Bruchstücken 
niemals eigentlich von der poetischen Konzeption der Gestalten 
Lamprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 81
	        
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