Einheitlichkeit des Geschmacks in Amerika stärker in den Vorder-
grund, weil dort rascher verbraucht wird.
In der Schuhindustrie ist es ähnlich. Die grösste Fabrik der
amerikanischen Schuhindustrie vermag nur sechs Prozent des
amerikanischen Schuhbedarfs zu decken. Auch in der Schuh-
industrie ist der Konkurrenzgalopp vor der Königin Mode der
höchste Sport. Bei ihm brechen sich jahraus, jahrein viele den Hals.
Jedes Unternehmen entwickelt seine eigene Schuhform, hat seine
eigenen Herstellungsmethoden. Man hält sich zwar an die all-
gemeine Modestimmung — z. B.: breite Absätze oder scharfe
Spitzen oder stark überstehender Sohlenrand usw. —, im übrigen
produziert jede Schuhfabrik ihren eigenen Stil.
Noch toller ist das in der Herrenwäscheproduktion. Es wird in
Deutschland zu gern von der einen Kragenfabrik erzählt, die in
einem Zuschnitt die ganze amerikanische Männerwelt mit Kragen
befriedigt. Aber was ist das für eine Normisierung, wenn jedes
bessere Ladengeschäft 32 unterschiedliche Arten von Kragenformen
führen muss? Hier ist nicht die unterschiedliche Halsweite, sondern
die unterschiedliche Krageniorm gemeint! Wir haben in den ganzen
Vereinigten Staaten kein Herrenmodengeschäft gesehen, das nur
eine Kragenform verkaufte.
Ebenso ist es mit der übrigen Unterkleidung. Neben dem
modernen „Vollblutamerikanischen“, ärmellosen Unterzeug gibt es
die altmodischsten baumwollenen Unterhosen und leinene farbige
Unterkleider in den verschiedensten Zuschnitten — auch hier wird
die Einheitlichkeit im Zuschnitt nur im Rahmen des Absatzes der
einzelnen Firma erreicht.
In Colliers „The national Weekly“ schrieb kürzlich einer der
typischen amerikanischen Sprüchemacher, dass „von einem Block
weit“ (zwei Strassen entfernt) betrachtet, alle amerikanischen
jungen Mädchen völlig gleich aussähen. Das gilt auch für. die
Männer. Aber die Normisierung des Geschmacks ist noch keine
Einheitsware und noch lange keine Einheitstabrikation!
Wir haben uns wochenlang mit solchen Feststellungen beschäftigt,
die einer Nachprüfung der Behauptung dienen sollten, ob die Zahl
der Bettypen mit Sprungfedern und Matratzen im Wirtschafts-
bereich der Vereinigten Staaten sich wirklich von 78 auf 4 ver-
mindert habe. Bei dem raschen Warenumschlag und der Gleich-
artigkeit des Geschmacks quer durch ganz Amerika musste das
Resultat der Normisierungsarbeit von Regierung und Industrie
im Warenhandel und in den neuesten Hotels feststellbar sein,
stammen die erwähnten Normisierungsbeschlüsse doch schon aus
den Jahren 1920 bis 1924,
Wir wohnten in den Vereinigten Staaten in den verschiedensten
Städten in diesen Riesenhotels mit tausend und mehr Zimmern,
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