Der historische Charakter des menschlichen Seelenlebens. 197
ten. Erst im Zusammenhang einer solchen entwickeln sich aber die ge-
nannten Verhaltungsweisen: sie sind dem Menschen nicht angeboren, son-
dern Ergebnisse besonderer sozialer Verhältnisse. Umgekehrt müssen
wir sagen: innerhalb seines Gemeinschaftskreises rücksichtsvoll, höflich
und bescheiden sich zu benehmen beruht auf einer allgemeinen mensch-
lichen Anlage. Diese wird nur durch besondere Verhältnisse auf den
höheren Stufen der Kultur teilweise oder ganz außer Wirksamkeit ge-
seöt, nämlich durch die herrschaftliche Organisation und den damit ver-
bundenen Willen zur Macht. Außerhalb dieser Organisation macht sich
der Machtwille im innern Leben des Gemeinschaftskreises kaum be-
merklich. Insbesondere gilt das für die Behandlung der Kinder. Es
wäre ein großer Irrtum, das Prügeln oder überhaupt die Anwendung
schärferer Strafmittel für universell verbreitet zu halten: gerade in pri-
mitiven Verhältnissen ist die Erziehung durchweg durch große Milde und
ausschließliche Güte ausgezeichnet. Die Möglichkeit, in härterer Weise
seinen Mitmenschen zu beeinflussen, ist auf dieser Stufe noch gar nicht
entwickelt. Wenn es zutrifft, daß auf dieser Stufe auch ältere Kinder
ihre jüngeren Geschwister noch nicht tyrannisieren, so kann man auch
in dieser Beziehung sagen: die Anwendung der Macht im Innenleben der
Gruppe ist hier noch nicht entdeckt!). Ebensowenig darf man das Steh-
len und Lügen für allgemein menschliche Verhaltungsweisen ansehen.
Die Neigung zum Stehlen fehlt in primitiven Verhältnissen mindestens
gegenüber den Genossen der gleichen Siedlung oder sonstigen Lokal-
gruppe wegen des starken Gemeinschaftsgeistes. Ebenso tritt das Lügen
auf den gleichen Kulturstufen teils innerhalb desselben engeren Kreises,
teils überhaupt nicht auf, einerseits ebenfalls wegen des ausgesprochenen
Gemeinschaftsgeistes, anderseits bei sehr primitiven Stämmen wohl auch,
weil sie ein so raffiniertes Mittel der Täuschung noch gar nicht entdeckt
haben.
Eine Reihe sehr primitiver Stämme ist ebenso dadurch ausgezeichnet,
daß ihnen der Ehebruch noch unbekannt ist. Die z. B. von Müller-Lyer
vertretene Anschauung, allgemein sei der Mensch oder wenigstens der
Mann von einer Neigung zur sexuellen Abwechslung beherrscht”). wird
schon an dieser Tatsache zuschanden. Auch hier wird eine Verhaltungs-
weise, die durch die Eigenart unserer modernen kapitalistischen Kultur
erst erweckt oder wenigstens erst stärker ausgebildet ist, mit Unrecht
für einen Ausfluß der menschlichen Natur schlechtweg genommen. Ähn-
1) Vgl. meine vorläufige Skizze über das genossenschaftliche Gemeinwesen
der Naturvölker in der Festschrift für Eduard Seeler. Stuttgart 1922.
2) Müller-Lver. Die Familie (Die Entwicklungsstufen der Menschheit IV)
s 16.