NEUNZEHNTES KAPITEL
DER ZWEITE ANTRAG AUF EIN MORATORIUM
DIE POLITIK DER „PRODUKTIVEN PFÄNDER“*
Deutschland stand vor einer neuen schweren Krise. Ihre Vorboten
zeigten sich in einem allmählich einsetzenden weiteren
Fall der Mark, Die Hoffnung auf ein günstiges Ergebnis der Pariser
Verhandlungen hatte ausgereicht, den Kurs des Dollar im April,
Mai und Anfang Juni etwas unter 300 Mark zu halten. Unmittelbar
nach dem Abbruch der Beratungen des Anleihekomitees stieg der
Dollar über 300 Mark, Man wußte in Berlin, was das bedeutete,
und man beschloß, die Mark aus den inzwischen von der Reichsbank
angesammelten Devisenbeständen zu stützen. Besonders
eifrig setzte sich Rathenau dafür ein. Mit der Durchführung der
Stützung wurde die Reichsbank betraut. Es gelang ihr, durch
mäßige Abgabe von Devisen, hauptsächlich an der Berliner Börse,
den Kurs einige Tage lang einigermaßen zu halten. Da sie sich
aber scheute, mit wirklich großen Beträgen einzugreifen, konnte
sie einen erheblichen Erfolg nicht erzielen. Das Publikum nahm
die angebotenen Devisen der Reichsbank gierig aus der Hand,
ohne im geringsten zu besorgen, daß die Stützungsaktion zu einem
Rückgang des Dollar führen könne,
Während die Operation im Gange war, fiel Rathenau den
Schüssen verblendeter Mörder zum Opfer, Das allgemeine Entsetzen,
das diese Schreckenstat auslöste, legte sich lähmend auf
die Entschlußkraft der deutschen Regierung, Mit Rathenau hatte
das Kabinett Wirth seinen stärksten Kopf verloren. Wenn Rathenau
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