Der Stoff der Sozialwissenschaft, I, A.
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Stellung, mit dem „bildhaften“ Denken, kommen wir an das Erlebte
heran. Als Inhalt unseres Bewußtseins, ohne doch Inhalt unseres
Denkens zu sein, selbst nicht unseres „bildhaften“ Denkens, ist das
Erlebte gleichbedeutend mit dem rein und ungebrochen Anschau
lichen. Das hat, um Rickert nachzusprechen, nichts mit „Schauen“
zu tun, engt die Wirklichkeit nicht zuliebe des Gesichtssinnes oder
sonst eines „äußeren“ oder „inneren“ Sinnes ein. Das Anschauliche
läßt sich nur nach jener Relation zum Bewußtsein und Denken erläutern
und bleibt im übrigen undefinierbar. Gleich dem Erleben selber ist
es ein bloßer Grenzbegriff, den unsere Erwägung gleich einem
Riegel gegen alle metaphysische Spekulation vorschiebt.
Da mit dem Verhältnis des Denkens zum Erleben auch dieses
selber in Diskussion gezogen wird, so brauchen wir ein Beispiel dieses
Erlebens, ein Erlebnis. Mit Worten ist dabei nichts auszurichten,
weil wir von diesen Worten, die notwendig schon eine Formung
des Erlebten sind, erst auf das Geformte zurückgehen müßten, um uns
hierauf das Erlebnis anschaulich zu vergegenwärtigen. Darüber käme
die Eindeutigkeit der Diskussion in Gefahr. Zum Glück steht ein
anderer Weg offen. Denn ein Stück Wirklichkeit im empirischen
Sinne, ein Erlebnis, über das sich eindeutig diskutieren läßt, liegt ein
fach damit vor, daß der Leser diese Zeilen liest. Der
Schreiber dieser Zeilen kann zwar nur hypothetisch davon reden, aber
auf den Leser kommt es an, und der steht mitten in diesem Erlebnis.
An ihm sollen nun die empirisch gegebenen Verhältnisse unseres
Denkens beleuchtet werden.
A. Der empirische Tatbestand.
Die Wirklichkeit läßt sich nie und nirgends mit Worten aus
schöpfen. Auch im Anblicke dessen, was der Leser erlebt, könnte
man eine gar nicht absehbare Zahl von Erfahrungsurteilen aussprechen.
Von den möglichen Aussagen über dieses Erlebnis seien nun
drei in verständiger Willkür herausgegriffen, als Typen. Sie sind
unausweichlich genereller Natur; jeder Leser mag ihnen aber den Bezug
auf sein momentanes Erlebnis supponieren:
A. „Der Leser liest diese Zeilen.“
B. „Die Augen des Lesers bewegen sich in der Relation auf die
Wortbilder des Druckes so, daß diese nacheinander den Blickpunkt
passieren.“
C. „Im Bewußtsein des Lesers wird die sukzessive Wahrnehmung
der Wortbilder von einem Vorstellungsverlauf begleitet.“