ein oft lärmendes Orchester. Der kollektive Massen-
schrei überschwebt die versinkende Einzelstimme,
Aber auch das ältere Theater wirkt weiter — wir
nennen nur Bahr und Rittner — erneuert sich.
setzt frische Blüten an. Ein edles Versstück wie Felix
Brauns „Esther” steht unaufgeführt dem „Lenin”
Ernst Fischers gegenüber, des für einen Teil unsereı
Jugend repräsentativen Grazer Poeten, mit dessen
Werk die neueröffneten „Schauspiele im Carl- Theater’
sich auf dem der Operette abgerungenen Boden zu
behaupten suchten. Beide Dichter sind jung, beide
vertreten sie die österreichische Jugend. Welche wird
recht behalten? Hier auch müßte die Betrachtung,
auf Literarisches eingestellt, dem Zeitgeist nachgebend,;
ins Politische ausschweifen. Sie will es aber doch
lieber vermeiden. Denn nicht um Parteinahme geht
es hier, sondern um Feststellung dessen, was ist. Daß
auch junge und jüngste Kräfte am Werke sind, um
das österreichische Theater der Republik in zum Teil
Vielversprechenden, zum Teil noch fragwürdigen Her-
vorbringungen zu beleben, sei, ohne einzelne Namen
zu nennen, dankbar verbucht.
Das Theater ist nicht nur das Drama, das öster-
reichische noch etwas weniger als das uns benachbarte
deutsche. Denn hierzulande hat, wie in Italien, in der
Frühzeitunseres Theaters derSchauspielersichdie Stücke
selbst gedichtet und noch heute dichtet er merkbar
mit. Fine Schauspielergemeinschaft wie . diejenige
unseres Burgtheaters oder des herrlich erneuerten
Josefstädter Theaters, in dem man jetzt unter Max
Reinhardts geistiger Führung Gesellschaftsstücke,
zumal ausländische, unvergleichlich spielt, bleibt natür-
lich nicht ohne Finfluß auf die theatralische Entwick-
lung. Namen zu nennen ist hier. um so überflüssiger,
als sie in aller Munde sind, ob es nun die alten,
hochberühmten oder neu hinzugetretene sind, wie
derjenige einer Helene Thimig, dieser allerzartesten
Verkünderin adeliger Frauenseelen, eines Paul Hart-
mann, Raoul Aslan, der Frau Darvas oder Seidler,
die alle erst in diesem Jahrzehnt ins Scheinwerferlicht
des Ruhmes getreten sind. Zu ihnen gesellen sich die
zroßen Gastspieler - Moissi, Bassermann, Krauß,
Waldau —, die alle in Wien eine zweite Heimat
zefunden haben. Sie alle lieben das Wiener Publikum
ınd das sommerliche der Stadt Salzburg, wo sich,
zleichfalls an Reinhardts schöpferischem, von einem
wunderbaren Geschmack beratenen Genius hervor-
zerufen, etwas herausgebildet hat, was ganz dieser
Zeit gehört, ja, was als ‚ein höchster Ausdruck in-
änandergreifender Kräfte das österreichische Theater
der‘ Jetztzeit wie der vergangenen sinnbildlich zu-
;ammenfaßt. Man hat das Salzburg zur Festspielzeit
an österreichisches Bayreuth genannt und das ist
auch sicher richtig, soweit der eigentliche Festspiel-
zedanke in Frage kommt. Aber es ist auch noch
atwas ganz anderes und weit österreichischeres, was
aben nur Oesterreich Fremden und Einheimischen zu
dieten vermag. Hier entstand aus der Vereinigung
von Burgtheateridealität, Mozartschem Geist und alter
bajuvarischer Spielfreude ein theatralisches Gebilde
großen Stils, das, an eine bedeutende Vergangenheit
organisch angeschlossen, in eine wertbewahrende
Zukunft lebendig hinübergreift. Der Deutsche findet
hier sein eigenes Theater wieder, aber unter einem
»laueren Himmel und mit einem farbigeren Rand; der
\usländer das‘ Theater schlechthin mit allen seinen
‚auberhaften Möglichkeiten; das Burgtheater findet
das Burgtheater in einer zugleich volkstümlicheren
ınd festlicheren Gestalt. Denn in gewissem Sinne
zibt der Oesterreicher Reinhardt dem Burgtheater
'n Salzburg nur zurück, was er selbst von dieser
3Zühne in jungen Jahren an entscheidenden Eindrücken
in Wien empfangen hat. Das österreichische Theater
'at die Gabe, sich aus sich selbst zu erneuern; ohne
fürstlichen Schutz hat es seinen Platz im europäischen
Geistesleben behauptet, seinen Rang bewahrt. Mündig
zeworden, blieb es sich seiner Eigenart bewußt, die in
nichts anderem bestehen kann, als die österreichische
Idee zu ‘spiegeln und indem es sie spiegelt, den in
ein täuschend buntes Spiel verstrickten Schaulustigen
immer wieder vor Augen zu führen, was Oesterreich
war und ist.
DIE SALZBURGER FESTSPIELE
_ Die Salzburger Festspiele haben in der kurzen Zeit
ihres Bestandes internationale Anziehungskraft und einen
Weltruf erlangt, der dem Rufe Bayreuths oder Mün-
dens gleichkommt. Es ist heute bereits für die Kunst-
freunde aller Welt Sitte, für den internationalen Fremden
Sin gegebener Anreiz und für die Vertreter der Welt-
Presse bereits Gepflogenheit geworden, im August
nach Salzburg zu reisen. Der Gedanke der Salzburger
Festspiele hat sich so kräftig erwiesen, daß sich noch
vor Kriegsende, im Jahre 1017, die „Salzburger Fest-
;pielhausgemeinde“ als eine „Vereinigung von Kunst-
reunden aller Welt“ konstituieren konnte. Ihr Programm
zipfelte in der Errichtung eines Festspielhauses und in
Jer Abhaltung - alljährlicher Festspiele, die. der inter-
nationalen Kunstwelt das Beste und Vollendetste bieten
‚ollte, was österreichische und deutsche Schauspiel- und
Musikkunst hervorbringen konnte. Führende Männer
ınseres Kunstlebens, Hugo von Hofmannsthal und
Max Reinhardt, Franz Schalk, Richard Strauß
ınd Alfred Roller, erkannten die einzigartige Beru-