Neue Dichtung.
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man seinen Messias als ein Epos in irgendeinem sonst be⸗
folgten, alten oder neuen Stile bezeichnen. Die Frömmigkeit
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gewandt, noch weniger war es die seine; und der Geist der
Zeit trieb ihn zu pathetisch-empfindsamer, lyrischer Verherr⸗
lichung des Gottessohns und des Werkes der Versöhnung,
wenn auch in lose epischen Formen. In ihr aber hat der
Dichter der Zeit nicht bloß genug getan, nein ihr geradezu
noch einmal ein neues christliches Gefühl offenbart: tausend
Zeugnisse beweisen es.
Gewiß ist da feste Charakterschilderung nicht des Dichters
Sache: die göttlichen Personen sind in dieser Hinsicht mit
Befangenheit dargestellt, und die menschlichen stehen, nach Art
der Psychologie des früheren Mittelalters, unter der unmittel—
baren Einwirkung göttlicher und teuflischer Kräfte. Nicht
minder geht dem Gedichte jede klare Disposition der Räume
ab: die kosmologischen Anschauungen des Neuen Testamentes
liegen in beständigem und verhängnisvollem Widerstreit mit
den kosmologischen Anschauungen des Dichters als eines An⸗
hängers der kopernikanischen Weltlehre. Und die Folge dieser
Mängel ist klar: keine innere Einheit der Handlung und des
Geschehens, und damit keine Einheitlichkeit der Komposition
überhaupt.
Aber haben die Zeitgenossen das in dem Gedichte gesucht?
Für sie waren diese Fehler leicht übersehbare Mängel der nun
einmal unvermeidlichen epischen Grundlage; sie wandten sich
von ihnen ab und lebten enthusiastisch der lyrisch-pathetischen
Stimmung des Ganzen. Und wer will deren Wucht, wer den
Glanz der Sprache, wer die unglaubliche Kraft der Wirkung
auf empfindsame Seelen verkennen? Ein ganzes Geschlecht
von Dichtern hat nach diesem Vorbilde geschaffen; und in
ihren ersten Gesängen namentlich ist die Messiade neben den
Oden das unerreichte Denkmal des Schrifttums unserer empfind⸗
samen Zeiten geblieben.
Aber die Höhe der empfindsamen Periode wurde abgelöst
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 28