Keligiöse Bewegung; Luther.
257
fürsten in die Rheinlande, Gegenden, die ihre Feindseligkeit
zegen die Franzosen und die mit ihnen verbündete Kurie offen
zur Schau trugen, man sang hier Spottlieder auf Frankreich,
und der Legat wagte nicht mehr ohne kriegerischen Schutz zu
reisen. Hätten die Fürsten da Franz wählen können? Und
noch ein weiteres kam hinzu. In Süddeutschland war
Herzog Ulrich von Württemberg, dieser unsinnige Schinder
seines Landes, Parteigänger der Franzosen geworden. Er lag
damals mit dem schwäbischen Bunde in Kampf, und dieser
vertrieb ihn Anfang April 1519 aus dem Lande. Dadurch wurde
die franzosenfeindliche Stimmung in Süddeutschland gehoben;
vor allem wurden aber auch die Kräfte des süddeutschen Adels
frei, die unter Sickingens Führung dem Bunde gedient hatten.
Sie zogen nun in hellen Haufen in die Nähe Frankfurts; noch
einmal machte der niedere Adel, unter dem es seit Jahren
zärte, seinen Einfluß auf eine Königswahl geltend.
Mitte Juni trafen die Kurfürsten in Frankfurt ein; schon
war die Wahl Franzens aussichtslos. In diesem Augenblick
hat die Kurie dann noch einmal ihren geheimsten Wunsch be⸗
tont, daß man einen deutschen Fürsten wählen möge. Sie
empfahl am 15. Juni durch Miltitz Friedrich den Weisen.
Aber Friedrich lehnte ab. Nun war kein Zweifel mehr. Ein—
stimmig ward am 28. Juni Karl von Burgund gewählt. Es
war wenige Tage vor der Disputation zwischen Luther und Eck.
Karl kam einstweilen noch nicht ins Land. Um so mehr
durfte man von ihm erwarten. Wie weit war man doch in
diesen Tagen entfernt von der resignierten Stimmung schon
der ersten zwanziger Jahre, der Kurfürst Friedrich die bezeich⸗
nenden Worte lieh: „Gott hat uns diesen Kaiser gegeben zu
Gnaden und zu Ungnaden.“ Man erwartete alles von dem
„jungen teuren Blut“, diesem Erben der deutschen Persönlich⸗
keit Maxens: er wird den Glanz des alten Reiches erneuern,
er wird die Sehnsucht der Frommen erfüllen nach einer ge⸗
reinigten Kirche. So dachte man namentlich im Adel und in
den humanistischen Kreisen: schon sah man ein neues Zeit⸗
alter emporsteigen, in dem Kaiser und städtischer wie ländlicher
Samprecht, Deutsche Geschichte V. 17