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I. Teil. Allgemeines.
Auch hier ist der Anteil der landwirtschaftlichen Berufe zurück
gegangen. Daß den gewerblichen Berufen 1900 trotz der erheblichen
Zunahme der Erwerbstätigen kein größerer Anteil zukommt, beruht
auf der gesteigerten Bedeutung anderer Berufsarten, namentlich der
Gruppe Handel und Verkehr.
Es wäre nach diesen Zahlen für jeden der genannten Staaten
schon eine sehr ernste Frage, wenn nur in der Arbeiterschaft der ge
werblichen Berufe Mißstände vorlägen, die ein Eingreifen der Sozial
politik verlangten. Aber die Lage der großen Massen ländlicher
Arbeiter bietet ebenfalls zu solchen Maßnahmen ernsten Anlaß. Auch
hier haben sich einschneidende Umgestaltungen der rechtlichen und
und wirtschaftlichen Stellung der Arbeiter vollzogen. Bei Gewerbe
und bei Landwirtschaft hat man es jetzt mit einer freien Lohnarbeiter
klasse zu tun, deren Arbeitsverhältnis auf dem freien Arbeitsvertrage
beruht, und für welche die Möglichkeit und Fähigkeit zur Anpassung der
Arbeitsbedingungen an ihre Bedürfnisse nur beschränkt ist, wenn auch
nicht in völlig gleichem Maße.
Daß zwischen beiden Gruppen in dieser Beziehung Unterschiede
bestehen müssen, läßt sich schon von vornherein aus dem verschiedenen
Anteil der Arbeiter an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen schließen.
Die deutsche Berufsstatistik ergibt für die Erwerbstätigen (im Haupt
berufe) in den
landwirtschaftlichen Berufen gewerblichen Berufen
1882 1895
1882 1895
Selbständige ... 2 288 033 2 568 725
Angestellte ... 66 644 96 173
Arbeiter .... 5881 819 5 627 794
2 201 146 2 061 764
99 076 263 745
4 096 243 5 955 711
Hieraus erhellt zunächst, daß in der Landwirtschaft und den ver
wandten Berufen die Zahl der Arbeiter kleiner, die der Selbständigen
größer geworden ist. Von allen Erwerbstätigen der Landwirtschaft
(ohne die Nebenberufsfälle) waren 1882: 71,41 °/o, 1895: 67,87 °A> Arbeiter.
Die gleichzeitige Zunahme der Selbständigen von 27,78 auf 30,98 °/o
deutet darauf hin, daß die Verschiebungen nicht lediglich auf die „Land
flucht“, sondern auch auf das Emporsteigen von früher unselbständigen
Personen zu wirtschaftlicher Selbständigkeit, also auch auf eine erfreu
liche Erscheinung zurückzuführen sind. Bei den gewerblichen Be
rufen hat sich dagegen der Abstand zwischen der Menge der Arbeiter
und der Selbständigen erweitert. Jene sind von 64,04 auf 71,92 °/o ge
stiegen, diese von 34,41 °/o auf 24,90 % zurückgegangen, zugleich ein
Zeichen, daß die arbeiterreichen Betriebe eine größere Bedeutung er
langt haben. Wichtig ist weiterhin die Tatsache, daß in der Land
wirschaft den Selbständigen eine 2 Vs mal so große Arbeitermasse
gegenübersteht, in den gewerblichen Berufen dagegen eine fast 3 mal