Full text: Theoretische Sozialökonomie

570 Kap. XIX. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen. 
gegeben hat, die aber die Fortsetzung nicht verwirklichen kann, eben 
weil die gegenwirkenden Kräfte, die vom Publikum immer ignoriert 
oder unterschätzt werden, zu stark anwachsen. Diese Kräfte werden 
jedoch um soviel mehr zwingend, je mehr sie vernachlässigt werden. 
Vielleicht gelingt es ihnen auf einem .solchen Gebiete, wie auf dem 
des Hausbaus, rechtzeitig eine Beschränkung herbeizuführen. Im 
übrigen muß es gewöhnlich zu einer mehr oder weniger gewaltigen 
Krise kommen, bevor das Publikum es lernt, die Gesetze der wirtschaft- 
lichen Begrenzung nicht unberücksichtigt zu lassen. 
Zweitens könnte man fragen: wenn es nun auch klar ist, daß die 
Konjunkturperiode sich auf eine Anzahl von Jahren erstrecken muß, 
warum tritt nicht wenigstens eine allmähliche Ausgleichung der Stärke 
der Auf- und Niedergangsbewegungen als Ergebnis der hemmenden 
Gegenwirkungen ein? Darauf ist zu erwidern: dies würde unzweifel- 
haft der Fall sein, wenn nicht von Zeit zu Zeit _ Ereignisse hinzu- 
kämen, die eine Neubelebung der ganzen Konjunkturbewegung herbei- 
führten. 0 / } } 
Solche Ereignisse sind erstens die technischen Fortschritte. Wir 
haben früher gefunden, daß der moderne technische Fortschritt sich 
wesentlich in einer erweiterten Verwendung von festem Kapital ver- 
körpert. Das beste Beispiel hierfür sind wohl die Eisenbahnen, Im 
neunzehnten Jahrhundert war der Eisenbahnbau immer diejenige Tätig- 
keit, die jeder Hochkonjunktur ihr Gepräge gab. Nur in der letzten 
Hochkonjunktur des vorigen sowie auch in der ersten des neuen Jahr- 
hunderts ist die leitende Stellung wenigstens teilweise auf ein anderes 
Unternehmungsgebiet übergegangen. Dieses Gebiet ist die Elektrizitäts- 
industrie. Mitte der neunziger Jahre, wo der Zinsfuß vielleicht niedriger 
als je stand, waren es vielleicht in erster Linie die verschiedenen Anwen- 
‚dungen der Elektrotechnik, die durch ihre enormen Ansprüche an festes 
Kapital eine neue Hochkonjunktur schufen und damit eine neue starke 
Wellenbewegung der Konjunkturen in Gang setzten. Die elektrischen 
Staßenbahnen, die ja vom Anfang an ganz neu hergestellt werden 
mußten und große Mengen von Eisenmaterial beanspruchten, die elek- 
trische Beleuchtung, die großen Kraftzentralen, das Telephonwesen und 
sonst noch vieles haben auch in unserem Jahrhundert eine Produktion 
von festem Kapital in gewaltigem Umfange nötig gemacht. Alle diese 
Verbesserungen sind Gegenstände einer lebhaften Nachfrage gewesen. 
Kein Land, keine Gegend, keine Stadt hat sich zufrieden gegeben, wenn 
sie nicht gleich von den neuen Errungenschaften der Elektrotechnik den 
Segen genießen konnte. Von einer möglichen Knappheit des Kapitals 
. ließ man sich nicht abschrecken, bevor sie in einem außerordentlich 
hohen Zinsfuß oder gar in einer Unmöglichkeit der Kapitalbeschaffung 
sich in Erinnerung brachte. In diesem Wettrennen sind die Staaten 
und Kommunalverbände wenigstens ebenso eifrig und jeder Rücksicht
	        
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