Full text : Theoretische Sozialökonomie

8 82. Die Krisen. 5
gemeine Erklärung der Krisen dienen könnte, kann also keine Rede
ein.
„Es scheint also kein Glied in der Kette, die die Produzenten mit den
Konsumenten verbindet, zu fehlen. Warum bricht denn trotzdem diese
Kette? Die Antwort ist: die typische moderne Hochkonjunktur
bedeutet keine Überproduktion, keine Überschätzung der
Nachfrage der Konsumenten oder des Bedürfnisses der
Gesellschaft an den Diensten des festen Kapitals, wohl
aber eine Überschätzung des Kapitalangebots, also der
Menge der Sparmittel, die zur Übernahme des produzierten
Realkapitals zur Verfügung steht. Was überschätzt wird, ist
die Fähigkeit der Kapitalisten, Sparmittel in genügender Menge zur
erfügung zu stellen. Man muß sich dabei daran erinnern, daß diese
Fähigkeit mehrere Jahre im voraus geschätzt werden muß, denn durchschnittlich
 verfließen doch mehrere Jahre zwischen der Zeit, wo die
Anlagen geplant werden, und der Zeit, wo sie ihre vollen Ansprüche
auf die Sparmittel der Gesellschaft stellen. Zur Beurteilung der Lage
des Kapitalmarkts hat der einzelne Unternehmer kein anderes Mittel
als den Stand des Zinsfußes. In der Depression und in der ersten Periode
der Hochkonjunktur ist nun aber der Zinsfuß niedrig oder wenigstens
mäßig. Die Ansprüche, die die gesteigerte Unternehmertätigkeit auf
dem Gebiete der Produktion von festem Kapital an die Kapitaldisposition
 stellt, machen sich noch nicht vollauf geltend. Es ist also
sehr wohl möglich, daß Unternehmungen, wie Hausbauten, Eisenbahnen
 usw. usw., in so großem Umfange geplant und auch angefangen
werden, daß ihr Kapitalbedürfnis, wenn es später vollständig zutage
tritt, nicht befriedigt werden kann.
Wenn in dieser Weise die Hochkonjunktur immer weiter getrieben
ird, muß es zuletzt zu einem Moment kommen, wo es auf einmal klar
wird, daß der Markt Sparmittel zur Übernahme des produzierten Realkapitals
 in genügender Menge zur Verfügung zu stellen nicht imstande
ist. In diesem Augenblick muß eine plötzliche Entwertung des festen
Kapitals eintreten und damit eine außerordentlich gesteigerte Schwierigkeit
 für die Unternehmer, das zur Übernahme ihrer Anlagen nötige
Kapital, sei es leihweise, sei es durch Verkauf, zu bekommen. Damit
haben sie aber bei allen laufenden Zahlungsverpflichtungen, die sie in
ihrer produktiven Tätigkeit haben übernehmen müssen, nicht gerechnet.
Wenn es sich zeigt, daß sie sich auf diesem Punkte getäuscht haben,
muß eine allgemeine Unfähigkeit, eingegangenen Zahlungsverpflichungen
 nachzukommen, die. Folge werden. Diese Unfähigkeit breitet
sich natürlich in immer weiteren Kreisen aus, da die ganze Geschäftswelt
 von der pünktlichen Erfüllung fällig werdender Zahlungsverpflichtungen
 in hohem Grade abhängig ist. Es muß also eine allgemeine
 wirtschaftliche Krise entstehen.

57%
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.