Full text: Zur Psychologie des Anlernens und Einübens im Wirtschaftsleben

Es wird auch dem Nichtfachmann ohne weiteres klar sein, daß die 
elementarste Näharbeit im freien, geraden Nähen besteht, und daß es 
schon etwas komplizierter ist, wenn die Stücke, die zusammengenäht 
werden sollen, nach vorgezeichneten Punkten zur Deckung gebracht wer- 
den müssen. Solange die Stoffe, die zusammengenäht werden, steif sind, 
d. h. solange sie sich beim Nähen nicht verziehen, hat die Näherin die 
Stücke lediglich richtig zu führen. Sobald sie es aber mit verziehbarem 
Stoff zu tun hat, kommt eine neue Schwierigkeit hinzu. Der Stoff muß 
während des Nähens verschafft werden, die Arbeiterin muß durch Sto- 
ßen oder Zurückziehen die gewünschte Naht erzwingen. Wenn außerdem 
noch die Stücke nach vorgezeichneten Punkten zur Deckung gebracht 
werden müssen, so werden an die Geschicklichkeit der Näherin die höch- 
sten Anforderungen gestellt. 
Die oben skizzierte Gliederung erhält noch eine Ergänzung durch 
die Beobachtung, daß es z. B. schwieriger ist, in Kurven mit kleinem 
Radius zu nähen, als in solchen mit großem Radius. Ueberdies ist auch 
das Ansetzen und Aufhören der Naht, das immer wieder vorkommt, 
speziell zu üben, damit es in kürzester Zeit exakt ausgeführt werden 
kann, 
Es erübrigt sich hier schon auf diese Details näher einzutreten, da 
sie bei den verschiedenen Instruktionen für die Nähschule noch Erwäh- 
nung finden werden. 
Nachdem durch die Arbeitsanalyse die richtige Gliederung, der orga- 
nische Aufbau der Arbeitselemente gefunden war, mußten die besten 
allgemeinen Bedingungen für das rationelle Anlernen des 
Nähens überlegt werden. 
Vor allem stellte sich heraus, daß es unzweckmäßig war, die Schüle- 
rinnen in den großen Werkstätten verteilt zu lassen. Diese Einsicht 
führte zum Projekt einer «Anlernschule» oder der «Anlernwerkstatt» in 
besonderem Lokal und unter besonderer Leitung, im folgenden kurz 
Nähschule genannt. 
Für diese Lösung sprachen vor allem zwei wichtige Momente. Er- 
stens muß der Arbeitsraum, in dem die Neulinge eintreten, nach Mög- 
lichkeit der Mentalität der Schulentlassenen angepaßt werden. Wenn 
die noch jungen und unerfahrenen Leute plötzlich mitten in einen Be- 
trieb gestellt werden, so wirken nicht nur die neuerteilten Arbeits-In- 
struktionen, sondern auch alle ihnen entgegentretenden Verhaltungsge- 
wohnheiten älterer Arbeiterinnen richtunggebend auf sie ein. Nament- 
lich wirken schlechte Arbeitsgewohnheiten älterer Arbeiterinnen anstek- 
kend auf die jungen, da sie den freieren Gewöhnungen des bisherigen, 
verhältnismäßig ungebundenen Lebens entsprechen. Dazu kommt, daß 
die Neueingetretenen von den Aelteren aus begreiflichen Gründen 
meist als minderwertige Arbeitskräfte angesehen werden und nur zu 
gern zu Hilfsarbeiten verwendet werden, bei denen sie nicht nur 
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