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Zehntes Buch. Zweites Kapitel.
II.
Schon früher hatten die billunger Sachsenherzöge das
Haus des ermordeten christenfreundlichen Abodritenfürsten Gott—
schalk begünstigt. Als jetzt gegen das Jahr 1090 ein Sohn
Gottschalks, Heinrich, den heidnischen Mörder und Nachfolger
Gottschalks, Kruto, beseitigte und eine neue Herrschaft unter
seinen Stammesgenossen errichtete, fand er gegen Tributzahlungen
die dauernde Beihilfe der nördlichen Sachsen.
Mit ihr gelang es ihm, von neuem über drei Jahrzehnte
lang von Alt-Lübeck aus zu herrschen; doch wendete er sich,
obwohl den Sachsen zinsbar und den deutschen Kaufleuten auf
ihren Ostseefahrten günstig, ja obwohl selbst Christ, nicht gegen
das Heidentum seines Stammes. Es war eine eigenartige Ver
bindung bloß durch wirtschaftliche und politische Juteressen,
welche den Slawenherrscher und die Sachsenfürsten aneinander
fesselte: in ihrem Sinne haben sächsische Heere sogar die Gewalt
Heinrichs durch Kriegszüge gegen die östlicheren Slawen bis
zu den Ranen hin erweitert. Verwandte Verhältnisse scheinen
sich zu gleicher Zeit aber auch für die westlichen Ljutizen heraus
gebildet zu haben. In Havelberg herrschte um 1128 der christ
liche Slawenhäuptling Wittekind in Abhängigkeit vom sächsischen
Herzog, ohne daß der Dienst des slawischen Gerovit aufgehört
hätte; in Brandenburg gebot zu gleicher Zeit ein christlicher
häuptling, der ebenfalls weit davon entfernt war, die Verehrung
des Triglav zu verbieten.
Während sich so Abodriten und Ljutizen, die noch nicht
unterworfenen Stämme der Elbslawen, in eigenartige Zwitter—
oerhältnisse hineinlebten, rückte ihnen von Osten her die damals
wieder gewaltig anschwellende polnische Macht immer näher.
Seit dem Jahre 1120 hatte Boleslaw III. die Pommern unter—
worfen, denen bald darauf der deutsche Bischof Otto von Bam—
berg in polnischem Ausftrage das Christentum vermittelte; um
1125 reichte die polnische Macht von der Weichsel bis zur
Peene, dem Müritzsee und der oberen Havel; große Stücke des
ljutizischen Gebiets waren dem fremden Herrscher zugefallen,
der alte Ljutizenbund selbst war erschüttert; nur auf Rügen