B. IV. Abschnitt. Proportionalität und Progression. 291
weil feinere Aufgabe, deren Lösung der progressive Steuerfuß vor-
aussetzt. Hier muß untersucht werden, ob in dem zehnmal größeren
Kinkommen, mit Rücksicht darauf, daß die Lebensbedürfnisse eine
zu große Ausdehnung nicht zulassen, jener Teil, welchen der
Einzelne ohne Entbehrung zur Erfüllung der Staatszwecke über-
lassen kann, nicht zwanzigmal, fünfundzwanzigmal größer ist? Hieraus
folgt jene Eigenschaft des proportionalen Steuerfußes, daß derselbe
natürlich auf festerer Basis ruht, während die Festsetzung der
einzelnen Stufen des progressiven Steuerfußes große Schwierigkeiten
verursacht und von willkürlicher Beurteilung nicht ganz zu be-
freien ist.
5. Argumente für und gegen die Progression. Die
Frage des progressiven Steuerfußes hängt mit der allgemeinen
Steuertheorie zusammen. Diejenigen Schriftsteller, die strenge an
der Aquivalenztheorie festhalten, treten für den proportionalen
Steuerfuß ein: wie Hobbes, Turgot, Proudhon, Leroy-
Beaulieu und Andere. Doch gibt es auch solche, die wohl auf
der Basis der Aquivalenztheorie stehen und doch, ja eben deshalb,
den progressiven Steuerfuß fordern, wie Sonnenfels, Bentham,
Garnier usw. Diejenigen Schriftsteller, die die Theorie der
Leistungsfähigkeit verteidigen, fordern in der Regel den progressiven
Steuerfuß, so Jean Baptiste Say, Held, Neumann,
Schäffle, Wagner, Pierson, Graziani und Andere. John
Stuart Mill ist wohl Anhänger der Opfertheorie, trotzdem nimmt
er gegen den progressiven Steuerfuß Stellung, den er nur bei der
Erbschaftssteuer anwendbar hält. Wagner verteidigt den progres-
siven Steuerfuß namentlich mit sozialpolitischen Argumenten.
Die Theoretiker machen sich von dem progressiven Steuerfuß
eine verschiedene Vorstellung. So wäre derselbe ein nach oben
degressiv zunehmender progressiver Steuerfuß, welcher auf den
höchsten Stufen sich in einen proportionalen Steuerfuß verwandeln
würde. Seligman, der überhaupt ein skeptischer Anhänger des
progressiven Steuerfußes ist, nennt gegenüber dem progressiven
Steuerfuß degressiv‘ den proportionalen Steuerfuß, der sich auf die
Steuerfreiheit des Existenzminimums stützt. Garnier befürwortet
bloß einen mäßig durchgeführten progressiven Steuerfuß, darum
nennt er diesen Steuerfuß nicht progressiv, sondern „progressional“.
Die heftigsten Gegner des progressiven Steuerfußes finden wir
bei den Franzosen, was wohl zum Teil dem Umstande zuzuschreiben
ist, daß die während der Revolution mit dem progressiven Steuer-
fuß gemachten unglückseligen Experimente bis zum heutigen Tage
nicht in Vergessenheit gerieten. Die heftigsten Angriffe gegen den
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