Aus dem flachen Lande, früher ein aufnahmefähiges Reservoir
für überschüssige Arbeitskraft in der Industrie, ergoss sich nun
umgekehrt ein Menschenstrom in die Industriegebiete, dessen
Grösse allein für das Jahr 1922 auf über eine Million Personen be-
ziffert wird. So müssen die amerikanischen Industriearbeiter mit
einer inneren Einwanderung rechnen, und da sie dagegen Mass-
nahmen nicht treffen können, erklärt sich der wachsende Wider-
stand wenigstens gegen die unbeschränkte Einwanderung vom
Ausland. Dazu kommt auch noch die Nationalitätenveränderung
bei der Einwanderung selbst. Die meistens gewerkschaftlich ge-
schulten Arbeiter, die aus den alten europäischen Industrieländern
einwanderten, wurden als angenehmerer und für die Aufrecht-
erhaltung guter Arbeitsbedingungen weniger gefährlicher Zuwachs
empfunden als die viel bedürfnisloseren Osteuropäer, die auch
in den schlechtesten Arbeitsbedingungen, die ihnen die neue Welt
bot, noch ein Geschenk des Himmels sahen. Waren sie früher
wegen ihrer geringen Fachausbildung keine ernsthafte Gefahr für
die qualifizierten Arbeiter in den Gewerkschaften, so hat sich auch
das durch die Mechanisierung des Arbeitsprozesses geändert. So
bitter die europäische Arbeiterschaft die Stellungnahme der ameri-
kanischen Gewerkschaften in der Finwanderungsfirage empfindet,
so fordert doch die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass dabei ein
starker Zwang des eigenen Selbsterhaltungstriebes obwaltet.
Es ist nicht ohne Interesse, auch die Stellung der Gegen-
kontrahenten der Gewerkschaften, des Unternehmertums, Zu
diesem Problem kennenzulernen. Wenn die Gewerkschaften eine
Beschränkung der Einwanderung fordern, damit der Arbeitsmarkt
nicht überfüllt und ein Lohndruck durch Import billiger Arbeitskraft
verhindert wird, so sollte man annehmen, dass die industriellen
Unternehmer aus denselbenGründen zu einer gegenteiligenForderung
kommen würden. Um so erstaunlicher ist es, dass das volkswirt-
schaftliche Sprachrohr der amerikanischen Industriellen, das
„National Industrial Conference Board“, in einem dazu erstatteten
Gutachten nicht nur gleichfalls eine Beschränkung der Einwanderung
empfiehlt, sondern auch ebenso wie die Gewerkschaften im Ein-
dringen billiger Arbeitskräfte eine allgemeine Gefahr erblickt. In
diesem Gutachten finden sich folgende Sätze:
„Wegen seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vergangenheit
kann und will der Einwanderer sich mit einer schlechteren Lebenshaltung
begnügen als der amerikanische Arbeiter und hat sich so bereit gefunden,
für einen relativ geringen Lohn zu arbeiten. Da vielfach die Löhne einen
grösseren Anteil an den Produktionskosten ausmachen als andere Faktoren,
wären Industrielle bei starker Anwendung schlecht bezahlter Einwanderer-
arbeit in der Lage, mit anderen Produzenten derselben oder ähnlicher
Waren zu konkurrieren, die wegen besserer Betriebsführung, grösserer
Maschinenanwendung und technischer Fortschrittlichkeit billiger erzeugen.
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