112 Erwachen einer Kulturkritik
gesamten Literatur durch öffentliche Bibliotheken, die Mög-
lichkeit für alle, durch niedrige Posttarife miteinander in
Verbindung zu treten und schließlich der allgemeine Genuß
von Komfort und Bequemlichkeiten durch ein industrielles
System, das die Waren zu einem so niedrigen Preise liefert,
daß viele Millionen ständig in einem verhältnismäßig großen
Luxus leben.‘ 160 Aber „was haben,“ so fragen die andern,
„Badezimmer, Kinos, Stahlbauten und Autos mit der Seele
eines Volkes zu tun?“ 161 Die ausschließliche Betätigung im
Wirtschaftsleben, das einen Selbstzweck, einen letzten Wert
bedeutet, die Aktivität, die unleugbar Großes vollbracht hat,
sind teuer erkauft worden. Der das Gesamtleben leitende Geist
der Wirtschaft, die Vorrangstellung, die man allem Wirt-
schaftlichen eingeräumt hat, und die geistige Beschränktheit
derer, zu denen das Volk als seinen Vorbildern aufblickt, der
Wirtschaftsführer, haben zu einem Schwund aller kontempla-
tiven Fähigkeiten geführt und es dahin gebracht, daß über-
haupt keine Möglichkeit besteht, ein sinnvolles Leben zu
führen, daß alles dem mob-mind dient und gehorcht. „Der
im Schatten einer sonnengetrockneten Mauer sitzende Omar
Chajjam, der drei volle Tage lang über einem Verse nach-
denkt, hat der Menschheit mehr Gutes gegeben, als fünfzig
berühmte Industriekapitäne jemals ihr geben können“ 162, Was
hat Amerika zur Verschönerung des Lebens beigetragen? Und
ein solches Volk, „ohne Geschmackssinn, das reizlose Nah-
rung hinunterschlingt, und nach dem Essen ohne Rock und
ohne Gedanken in dem mit öden Stickereien bestichelten