B. Betriebsformen.
1. Stärkefabriken als Nebenbetriebe der Landwirtschaft.
Die Mehrzahl der landwirtschaftlichen Nebenbetriebe verarbeitet die Karvoffeln
nur auf Feuchtstärke; eine kleinere Zahl setzt den Herstellungsprozeß bis
zur Trockenstärke fort. Die reine Feuchtstärkefabrik eignet sich wegen
der Billigkeit der Anlage‘) und wegen der Einfachheit des Produktionsganges als
landwirtschaftlicher Nebenbetrieb. Sie bietet, ähnlich wie die Brennerei, in weitem
Maße die Möglichkeit zur Rettung anbrüchiger Kartoffeln, denn Fäulnis und sonstige
Krankheiten machen erst dann die Kartoffeln für die Stärkeherstellung untauglich,
wenn sie weit vorgeschritten und zur Beschädigung der Stärkekörner ge-‚ührt
haben. Wieviel gesunde Kartoffeln darüber hinaus auf Stärke verarbeitet
werden, ist eine reine Kalkulationsfrage, im Gegensatz zur Brennerei, wo der auf
eine gewisse Schlempemenge eingestellte Viehstapel zum Abbrennen einer bestimmten
Kartoffelmenge — ohne Rücksicht auf den Spirituspreis — zwingt. Der
Futterwert der Stärkepülpe erreicht nämlich nicht denjenigen der bei der Spiritusbrennerei
anfallenden Kartoffelschlempe, denn die Pülpe ist ein eiweißarmes Futtermittel;
die wertvollen Eiweißstoffe gehen bei der Stärkeherstellung in die Abwässer
und finden höchstens als Dungstoffe Verwertung (vgl. S. 19). Aus diesem
Grunde, und weil Ersatzstoffe (Mais) für die Feuchtstärkefabriken aus technischen
Gründen nicht in Frage kommen, unterliegt die Zahl der arbeitenden landwirtschaftlichen
Stärkefabriken größeren jährlichen Schwankungen als die Zahl der
arbeitenden Brennereien.
In 88 Fällen stellt die Feucht- oder Trockenstärkefabrik den einzigen technischen
Nebenbetrieb des betreffenden Gutes dar; auf 28 Gütern befindet sich
außerdem eine Spiritusbrennerei, auf 13 eine Kartoffeltrocknung. Bei den Feuchtstärkefabriken
findet ein Zukauf fremder Kartoffeln so gut wie nicht statt”), die
Fabriken sind also reine Spitzenverwertungsbetriebe der zugehörigen Wirtschaften.
Die in der Erhöhung der Versendbarkeit und Haltbarkeit der Kartoffeln
liegende Hauptaufgabe jeder technischen Kartoffelverwertung vermag die Feuchtstärkefabrik
nur in beschränktem Maße zu erfüllen. Zwar wird durch die Umwandlung
in Feuchtstärke das ursprüngliche Gewicht der Rohkartoffel etwa in
demselben Umfange wie bei der Kartoffeltrocknung, nämlich auf ungefähr */.,
herabgedrückt (bei der Brennerei auf etwa */,), aber die Haltbarkeit der Kar-;offel
wird, ganz im Gegensatz zu den beiden anderen Verwertungsarten, nicht, verzrößert,
denn Feuchtstärke hält sich nur eine begrenzte Zeit. Sie muß möglichst
5ald abgesetzt und weiterverarbeitet werden.
Eine tatsächliche Konservierung der Kartoffeln auf unbegrenzte Zeit wird
erst in der landwirtschaftlichen Trockenstärkefabrik erzielt, außerdem
wird das ursprüngliche Gewicht der Kartoffeln auf etwa ?!/; herabgedrückt. Hierbei
werden jedoch, wenn Trockenstärke höchster Qualität erzielt werden soll, die Anlagekosten
so hoch und der Produktionsgang so schwierig, daß ein lohnender Betrieb
nur dann möglich ist, wenn er nicht, wie bei den reinen Feuchtstärkefabriken,
lediglich der Verwertung von Kartoffelüberschüssen des einzelnen Gutes dient,
sondern zur höheren Ausnutzung der Kapazität Kartoffeln aus der Nachbarschaft
zukauft. Ein großer Teil der Fabriken verfährt s8o und verarbeitet. mehr fremde
*) Die Anlagekosten einer typischen landwirtschaftlichen Feuchtstärkefabrik mit einer jährlichen
Verarbeitungsfähigkeit von etwa 10000 dz Kartoffeln betrugen vor dem Kriege rund
20 000 M, zur Zeit werden sie auf etwa 50000 RM geschätzt.
2) 1927/28: 7000 dz.