56 Der Reiche
„Wie die Welt ist und sein wird, isteseine Art von Pflicht, reich
zu sein“, und in Amerika nimmt man das Streben nach dem
Reichwerden so sehr als einen allen Menschen innewohnenden
Instinkt, daß dort wohl nur wenige dem Satze des amerika-
nischen Nationalökonomen Senior nicht zustimmen werden,
der hierin ein Gesetz der Wirtschaftswissenschaften sieht, dem
nur die Gravitation in der Physik an die Seite gestellt werden
könne, das letzte, über das der Verstand nicht hinausgelange 84.
Auf dem Amerikaner liegt in der Tat die Pflicht, Reichtum
zu gewinnen, denn es gibt keine erstrebenswerte Lebensform,
für die ein bescheidenes Einkommen genügt. Aber als reich
wird man in Amerika erst jenseits einer viel höheren Schwelle
betrachtet als in Europa. Als der Chinese Wu Tingfang einen
Mann, der eine halbe Million Dollars sein eigen nannte, fragte,
warum er denn dann noch weiter arbeite, erhielt er zur Anl-
wort: weil man erst mit 1—2 Millionen als ein reicher Mann
gelten kann 85, Stendhals Maxime: „Wenn man 6000 Francs
Rente hat, so soll man nicht mehr an das Geldverdienen
denken‘, eine solche unkapitalistische Denkweise wird ebenso
unverstanden bleiben wie die Meinung, daß Uninteressiertheit
am Gelde gerade dort, wo es der Endzweck aller ist, nicht ein-
mal eine Form der Bescheidenheit zu sein braucht, vielmehr
ein Zeichen des Stolzes ist8%, Ein Mensch, der Gleichgültig-
keit dem Geldverdienen gegenüber an den Tag legt, der es ver-
sucht, andere Werte zur Grundlage seines Daseins zu machen,
muß dem Amerikaner minderwertig sein oder gar suspekt
erscheinen. Schon darum finden l’art pour l’art, la science