58 Die Schenkungen der Reichen
Lebzeiten des Besitzers geschieht. Namentlich hat Carnegie die
Auffassung vertreten, daß der Allgemeinheit am besten gedient
sei, wenn die Verteilung bereits während des Lebens erfolge,
da man dann die gleiche Sorgfalt darauf verwenden könne,
wie auf den Erwerb87, Die großen Kapitalisten halten sich
für die Verwalter des Vermögens der Nation, fühlen sich als
die, „denen Gott die Obhut über die Besitzinteressen des
Landes anvertraut hat‘ 88, Die zur Erwerbung des Geldes dien-
lichen Eigenschaften machen auch für alles andere tüchtig,
der Reiche hat Einsicht und Übersicht‘ und kennt daher am
besten die Verwendungsmöglichkeiten des Geldes. Nicht das
Herz soll die Verteilung lenken, sie soll vielmehr das Resultat
des Nachdenkens und der Kalkulation sein. Nur ein beschei-
dener Teil soll den Nachkommen zufallen, denn „vererbter
Reichtum ist stagnierender Reichtum“ 89; das Geld soll aber
weder verzettelt noch in die Hände des Staates gelangen, der
mit dem kostbaren Gut in törichter Weise umgehen könnte.
Das zahlenmäßige Ergebnis solcher Anschauungsweise ist
erstaunlich und, wenn man es dem, was in Europa in dieser
Hinsicht geleistet wird, gegenüberstellt, doch auch bewunde-
rungswürdig. Nach einer 1925 veröffentlichten Zusammen-
stellung sind z. B. in den letzten zehn Jahren für öffentliche
Zwecke mehr als anderthalb Milliarden Dollar gestiftet
worden, 1923/24 erhielten die Universitäten und Colleges
allein fast‘ 100 Millionen; St. Andrew, wie Mark Twain
einmal scherzhaft Carnegie genannt hat, gab mit einem
Scheck mehr Geld für Universitäten aus, als alle Millionäre