Der Arme 61
erscheinen und von Vanderbilt hieß es, daß für ihn alle Bitt-
steller Faulpelze und Trunkenbolde waren, die von der Aus-
plünderung der Nüchternen und Fleißigen zu leben versuch-
ten %2, Es ist interessant, daß unter der Herrschaft eines ganz
ähnlich gearteten Wirtschaftsgeistes, in einem anderen wirt-
schaftlichen Neuland, in Australien, sich doch eine von der
skizzierten verschiedene Beurteilung von Armut hat durch-
setzen können. Sie wird nicht ausschließlich als Zeichen man-
gelnder Tüchtigkeit angesehen, weil hier der wirtschaftliche
Erfolg in den Ackerbau- und Viehzuchtregionen allzusehr
von äußeren Ursachen, vor allem von den unberechenbaren,
instabilen Niederschlagsverhältnissen abhängt, die sich der Be-
einflussung durch den Menschen entziehen 93.
Nirgends wohl ist also die Stellung des Armen innerhalb
der Gesellschaft so demütigend wie in Amerika. Seine Unter-
stützung aus öffentlichen Mitteln hat daher auch eine Form
angenommen, die ihre Inanspruchnahme ungemein erschwert
und sie eigentlich nur für den alleräußersten Fall annehmbar
macht, eine Form, die entsprechend der verwandten englischen
Auffassung der Armut der dort angewendeten sehr nahe
steht. Eine offene Armenpflege kennt man in den großen
Städten nicht, nur Kranken, Gebrechlichen kann vorüber-
gehend auf diesem Wege und in sehr beschränktem Grade
geholfen werden 4, Weil sie das Gefühl der Verantwortung
unterdrücke, aber auch weil Unterstützungen in Geld leicht
nach politischen Gesichtspunkten verteilt werden könnten, be-
müht man sich, sie so weit wie möglich, sogar durch gesetz-