Geringe Ausbreitung des Sozialisfnus 65
schärfsten Maßregeln zu veranlassen, zeigte etwa der bekannte
Fall des Professors Scott Nearing, der vom Kuratorium der
Universität Pennsylvaniens abgesetzt wurde, weil er sich für
eine gesetzliche Regelung der Kinderarbeit ausgesprochen
hatte, ein Beschluß, der allerdings unter dem Druck der öffent-
lichen Meinung schließlich rückgängig gemacht werden mußte.
So hat also der Sozialismus nur außerordentlich wenig er-
reichen können, seine Anhängerschaft ist gering geblieben und
nur sehr langsam gewachsen. Die Gewerkschaftsbewegung
trägt einen durchaus bürgerlichen Charakter. Entsprechend
dem aufs Reale hin gerichteten Sinn des Amerikaners, der nicht
Utopischem nachjagt, verfolgt sie nur praktische Ziele: sie will
nur innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems die
Lebensbedingungen des Arbeiters bessern, und der ganze
Kampf erhält dadurch einen sehr materialistischen Cha-
rakter. Eine Ideologie hat man ebensowenig, wie man an dem
Schicksal der Genossen in anderen Ländern Anteil nimmt, oder
sich für eine internationale Verbrüderung erwärmt. Eine revo-
lutionäre Richtung mit der Parole „of the workers, by the
workers and for the workers“ verfolgen die Industrial Wor-
kers of the World, die sich aus den Wanderarbeitern des
Westens und dem Maschinenproletariat des Ostens ihre An-
hänger holen, aber ihre Bedeutung ist bisher ganz gering ge-
blieben. Mehrere Einzelstaaten haben besondere Gesetze gegen
sie erlassen, die die Verbreitung von Flugschriften und Zei-
tungen, das Abhalten von Versammlungen untersagen, so daß
es ihnen sehr schwer gemacht ist, Propaganda zu treiben.
Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika