172
Vierter Teil,
getrennt lebten. Mit Recht ist auch er deshalb zu der These
gekommen, daß in der Verwaisung junger Mädchen und in der
Entfernung und Entfremdung derselben von der Familie eine
sehr bedeutsame Ursache der Unehelichkeit erblickt werden
muß1!, In der Zentrale der Konfektion in Italien, Turin, hat
eine 1911 angestellte Enquete ergeben, daß im Gegensatz zu
den Fabrikationsarbeiterinnen gerade die Schneiderinnen und
Näherinnen zu einem erheblichen Teil lediglich auf ihren
eigenen Verdienst angewiesen sind und vom Elternhause nichts
zu erwarten haben; ein Viertel von ihnen sind Waisen1?, Und
zerade die Schneiderinnen und Nähmädchen in Turin stehen
bekanntlich wenigstens den feineren Formen der Prostitution
sehr nahe.
Eine andere, nicht minder wichtige Ursache für die Ver-
liederlichung beim jungen Mädchen liegt oft darin, daß es selbst
schon uneheliches Kind ist. Vielleicht nicht einmal so sehr
wegen seiner Eigenschaft als Uneheliche, als wegen der hier-
durch ebenfalls für das Mädchen eintretenden größeren Isolie-
rung 1%, Das Problem der Vereinsamung der unehelichen Kinder
wird auch durch die spätere Verehelichung der Mutter häufig
gar nicht oder doch nur vorübergehend gehoben. Nur dem mit
den Tatsachenreihen des sozialen Lebens Unbekannten dürfte es
verblüffend erscheinen, daß sich die übergroße Mehrzahl der un-
ehelichen Mütter bei ihrer Verheiratung nicht den Vater ihres
natürlichen Kindes, sondern einen anderen zum Ehemann nimmt
oder wenigstens als solchen erhält1®% Für seine Untersuchungs-
12 Spann, Lage und Schicksal, S. 8/9; Schröder,S. 35.
12 Effren Magrini e Giovanni-Battista Allaria, L’Industria
della Sartoria per Signora e le Condizioni Sanitarie delle Operaie in Torino,
Roma 1gır, Boll. dell’ Ispettorato del Lavoro, p. 171.
12a Vgl. S, 86 unseres Buches.
18 Die Ursachen hiefür liegen zumal in dem bei der unehelichen Geburt
seitens des Mädchens und dessen Verwandten meistens ausgeübten Drucke
auf den Schwängerer, sich zur Vaterschaft zu bekennen und zu heiraten,