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Die Gruppe.
6. Die bisherigen Erörterungen bezweckten lediglich, Tatsachen
festzustellen, die durch die Erfahrung des täglichen Lebens gesichert sind.
Es ist wohl zu unterscheiden zwischen diesen Tatsachen selber und ihrer
Erklärung. Der Streit der Meinungen kann sich nur auf die legtere
beziehen, nämlich auf die Frage, in welchem Verhältnis die Objektiv-
yebilde zu den sie verkörpernden Individuen stehen, wie sie eigentlich
zustande kommen und worin ihr Wesen besteht (wobei wir von der
legten Unterform, nämlich den materiellen Projektionen, absehen kön-
nen, weil bei ihnen der Sachverhalt kaum Spielraum für eine Meinungs-
verschiedenheit läßt). Gleichviel aber wie man diese Frage beantworten
mag, so muß doch jedermann zugeben, daß für den Augenschein die
Gruppe als ein Eigenwesen existiert und ein Eigenleben führt. Nur die
positivistische Denkweise, die uns gewöhnt hat, überall nur Einzelheiten
zu sehen und alle Synthesen zu vernachlässigen oder ihnen mit ablehnen-
dem Mißtrauen gegenüberzustehen, kann diese Tatsache verkennen
lassen. Die in der Sprache des täglichen Lebens sich bekundende naive Auf-
Fassung, die diese Gebilde wie menschliche Personen behandelt, steht
dem Tatbestand viel unbefangener gegenüber.
Wenden wir uns nun aber der Frage der Erklärung des
Eigenlebens der Gruppe zu. Hier stehen sich bekanntlich bis auf den
heutigen Tag zwei Anschauungen gegenüber: die individua-
listische und die kollektivistische oder universalistische. Für die erstere
ist die Gruppe ein additivesG Gebilde, also nach dem Prinzip der
Summation zu erklären; in diesem Sinne bezeichnete Comte die Gesell-
schaft als ein Ensemble. Für die zweite hat sie einen ausgesprochenen
Ganzheitscharakter, der (in der üblichen Auffassung) in das
Metaphysische hinüberweist. Für die erstere Auffassung ergeben sich die
Eigenschaften und das Verhalten der Gruppe aus den Eigenschaften und
dem Verhalten der Individuen, indem man wie bei jedem anderen Aggregat
Jiese sich summiert denkt oder einen Durchschnitt von ihnen hil-
det. Sind die Individuen gegeben, sagt Spencer und mit ihm der ganze
Positivismus, so kann man daraus die Eigenschaften und das Benehmen
Jer Gruppe ableiten. Dabei ist (stillschweigend) vorausgesegt, daß jedes
[ndividuum von Anfang an in sich abgeschlossen und fertig ist und in
Jiesem Zustande in das Spiel der „Wechselwirkungen“ eintritt; und das
bildet, wie wir sehen werden, die Achillesferse dieser Theorie. Das so-
ziale Leben ist danach als eine Art Mechanismus aufzufassen, ebenso wie
ein physisches Geschehen in einem Aggregat. Die universalistische Theo-
rie nimmt dagegen ein transpersonales Einheitsprinzip als vorhanden an:
eine spezifische über den Individuen schwebende Kraft, deren nähere
Natur im Dunkeln bleibt, soll das soziale Geschehen einheitlich bestimmen
und das Verhalten der Individuen gleichsam in seine Dienste nehmen.