Full text: Wirtschaftspolitische Tagesfragen

blick nachzurühmen pflegen, bei den Eng: 
ländern, eine ganze Anzahl hervorragender 
falscher Prophezeiungen ausgesprochen wor: 
den ist, die auf den Gang der politischen 
und der wirtschaftlichen Entwicklung Eng: 
lands tiefen Einfluß gehabt haben. Wenn 
beispielsweise die englische Regierung sich 
den Wünschender dreizehn nord: 
amerikanischen Kolonien mit aller 
Kraft widersetzte, so geschah es deshalb, 
weil, wie der leitende Minister Lord Shel:- 
burne, einer der hervorragendsten Staats: 
männer jener Zeit, es ausdrückte, die Sonne 
Englands untergehen würde, wenn die drei: 
zehn Kolonien sich unabhängig machten. 
Man sah nicht voraus, daß auch bei einer 
selbständigen staatlichen Entwicklung das 
Gebiet dieser dreizehn Kolonien die wirt- 
schaftliche Entfaltung Englands durchaus 
nicht ungünstig beeinflußt werden würde 
und daß man auch politisch sich wahrscheinz 
lich mit dem neuen Staate würde vertragen 
können. : d 
Eine andere, gänzlich falsche wirtschaft: 
liche und politische Prophezeiung hat Eng- 
land dazu veranlaßt, im nordamerika- 
nischen Bürgerkrieg sich absolut auf 
die Seite der Südstaaten zu stellen, obwohl 
England ja doch die Sklavenbefreiung auf 
sein Panier geschrieben hatte. Trotzdem 
waren in der Stellungnahme gegen die Nord- 
staaten die gesamte öffentliche Meinung 
Englands, die Presse, das Parlament, die 
Regierung einschließlich des liberalen Pre: 
mierministers Gladstone einer Ansicht. Sie 
glaubten, daß die Südstaaten die Nord: 
staaten schlagen würden, daß die Südstaaten 
auch wirtschaftlich der kräftigere Teil sein 
würden. Dieser Irrtum ist Großbritannien 
teuer zu stehen gekommen. Ich brauche 
nur an den. Alabama-Streitfall mit seinen 
sehr empfindlichen Kosten zu erinnern. 
Aber um wieder auf die Gegenwart zu 
sehen — haben wir nicht erlebt, daß man in 
aller Welt zu einer völlig falschen Ein- 
schätzung des zukünftigen Schiffs- 
raumbedarfs gelangte, nachdem der 
Weltkrieg beendet war? Haben nicht die 
Werften aller Länder wie wild darauf los: 
gebaut, obwohl doch hätte vorausgesehen 
werden müssen, daß nach diesem vernich- 
tenden Kriege der Welthandel nicht sofort 
wieder auf die Höhe der Vorkriegszeit ge- 
langen konnte und infolgedessen auch ein 
geringerer Schiffsraum genügen würde? Man 
hat es auf diese Weise dahin gebracht, daß 
in kurzer Zeit 12 Millionen mehr vor- 
handen waren als die 44 Millionen, die vor 
dem Kriege der Seeschiffahrt gedient hatten. 
Auf diese Weise hat man eine sehr schwere 
Krise über die Schiffahrt und den Schiffsbau 
aller Länder der Welt heraufbeschworen. 
Haben wir es nicht ferner erlebt, wie 
völlig falsch die Berechnungen der Repa- 
rationslasten ausgefallen sind, die 
Deutschland auferlegt werden könnten, wie 
abwegig man im Auslande darüber geurteilt 
hat, wie falsch man aber auch vielfach im 
nlande die Möglichkeit dieser Belastung 
zingeschätzt hat? 
Und um endlich auf ein Gebiet hinzu: 
weisen, das voll ist von falschen Prophezei- 
ıngen, unter denen wir auf Schritt und Tritt 
zu leiden haben, sei sowohl auf die Ansichten 
Lassalles wie auf die von Karl Marx hin: 
Jewiesen. Lassalle war ein erklärter 
Gegner der Konsumgenossenschaften, weil 
zr weissagte, daß sie die Lage der Arbeiter 
in keiner Weise verbessern könnten. Da: 
gegen war er ein starker Anhänger der Pro: 
duktivgenossenschaften, weil er glaubte, daß 
durch sie die Lage der Arbeiterschaft ge- 
hoben werden könnte. Beides war eine ab- 
solute Fehlprophezeiung. 
In den Schriften von Karl Marx 
wimmelt es geradezu von Fehlprophezeiun:- 
gen. Seine Stellung zur Frage der wirt: 
schaftlichen Prophetie war eine höchst 
eigenartige: auf der einen Seite behauptete 
er, daß die Entwicklung so zwangsläufig 
erfolge, daß eigentlich auf Grund seiner 
Jlialektischen Methode das Voraussehen in 
lie Zukunft gar nicht schwer sein konnte, 
und auf der anderen Seite untersagte er 
‘örmlich das Vorausberechnen der Zu: 
<unft. Was er selbst über die Zukunft 
dachte, hat er nur in wenigen nebel: 
haften Sätzen dargetan: Akkumulation des 
Kapitals, Konzentration des Kapitals, Ex- 
propriation der Expropriateure usw., und 
hat im übrigen nicht nur keine Prophe- 
zeiungen aussprechen wollen, sondern hat 
— ich möchte beinahe sagen — das Pro: 
ahezeien verboten. An dieses Verbot hat 
man sich freilich in der Sozialdemokratie 
nicht gekehrt. Wir haben es heute ver: 
zessen, daß der sogenannte „große Kladdera- 
latsch“ wiederholt für ganz bestimmte Jahre 
vorausgesagt wurde, daß Bebel ihn für 1889 
voraussagte, dann, als er nicht eingetreten 
war, für die Mitte der neunziger Jahre, dann 
tür 1898 und daß er dann erst, nach all diesen 
schreienden Mißerfolgen, den „großen Klad:- 
Jeradatsch‘ aus seinen Prophezeiungen her- 
zusließ. Aber auch im übrigen sind die 
wirtschaftlichen Prophezeiungen der Sozial- 
lemokratie fast sämtlich nicht eingetroffen. 
Noch in den 90er Jahren haben die Führer
	        
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