Full text: Wirtschaftspolitische Tagesfragen

die in den Gesprächen mit Eckermann zu 
Äinden ist, dem gegenüber Goethe im Jahre 
1828 aussprach: eines schönen Tages werde 
die Landenge von Panama durch einen Kanal 
durchstochen werden, und zwar werde das 
durch die Vereinigten Staaten geschehen. 
Das war in einer Zeit, als die Vereinigten 
Staaten kaum mehr als den schmalen Küsten: 
saum am Atlantischen Ozean beherrschten. 
Damals also meinte Goethe bereits, daß der 
Panamakanal nicht nur hergestellt werden 
würde — mit dieser Frage hatten sich auch 
andere schon beschäftigt —, sondern er 
sagte mit absoluter Sicherheit voraus, daß 
dieses damals noch in den Anfängen befind- 
liche kleine Staatswesen die Durchführung 
der gewaltigen, von ihrem Gebiete noch weit 
abliegenden, Aufgabe übernehmen würde. 
Von Friedrich List wäre weiter eine 
große Zahl anderer richtiger Prophezeiungen 
zu erwähnen. Ich kann mir Näheres wohl 
ersparen. Ich brauche nur darauf hinzu: 
weisen, daß er die Trassierung des deut- 
schen Eisenbahnwesens mit absoluter Sicher- 
heit vorausgesehen hat zu einer Zeit (1835), 
als erst die winzige Bahn Nürnberg-Fürth 
hergestellt worden war, daß er ferner die 
Entwicklung der deutschen Industrie treff- 
sicher vorausgesagt ‘hat und viele andere 
Dinge mehr. 
Auch auf die Saint-Simonisten 
wäre in diesem Zusammenhang hinzuweisen, 
die sowohl volkswirtschaftlich wie privat: 
wirtschaftlich sehr zutreffende Voraussagen 
abgegeben haben und die sich infolge: 
dessen privatwirtschaftlich sehr gut ge: 
standen haben. Einen großen Teil der Saint: 
Simonisten, die doch von sozialistischen 
Ideen ausgingen, finden wir in den 50er und 
60er Jahren an der Spitze französischer 
Großbetriebe wieder: von Großbanken, In- 
dustrieunternehmungen, Eisenbahnunter- 
nehmungen usw. Sie hatten gelernt, durch 
die Weite des Gesichtsfeldes, das ihr Herr 
und Meister ihnen aufgeschlossen hatte, die 
Zukunft einigermaßen richtig zu beurteilen. 
Es sei ferner noch ein deutscher wirt- 
schaftlicher Prophet genannt, den wir heute 
beinahe vergessen haben. Das war der 
Wiener Prof. Lorenz von Stein, der 
im Jahre 1871 der zweiten Auflage seines 
Lehrbuches der Finanzwissenschaft ein 
Kapitel über den Staatssozialismus beifügte, 
in dem er jede Steuer verwarf, die das Ein: 
kommen so weit verringere, daß es seine 
kapitalbildende Kraft verliere. Wo das 
Steuerwesen seine Grenze überschreite, 
müsse es zugleich mit der gesellschaftlichen 
Ordnung auch den Fortschritt der gesell: 
schaftlichen Ordnung vernichten. Im An: 
schluß daran sagte er voraus: in einem oder 
zwei Menschenaltern würden die nicht: 
bdesitzenden Klassen, auf das Majoritäts- 
’rinzip gestützt, von der besitzenden Klasse 
Leistungen ohne Maß fordern und die be: 
sitzenden Klassen dagegen die schwere Auf- 
jabe haben, das staatswirtschaftlich mög- 
iche Maß ihrer Leistungen und mit ihm 
lie Grundlage der ganzen gesellschaftlichen 
Ordnung ernstlich zu verteidigen. Diese 
Worte wurden in einer Zeit niedergeschrie- 
den, da die überwiegende Mehrzahl aller 
Beobachter ihre Richtigkeit rundweg leugnete. 
Aus dem 20. Jahrhundert ein Beispiel 
noch aus der Wirtschaftspolitik der beiden 
großen deutschen Schiffahrts: 
gesellschaften. Die Hapag wie der 
Norddeutsche Lloyd gerieten in eine unge: 
mein schwierige Lage, als Morgan mit seinen 
überlegenen Kapitalmitteln den internatio- 
nalen Schiffahrtstrust begründete. Ballin und 
Wiegand — meines Wissens vor allem Wie: 
gand, der hier die führende Rolle spielte — 
überlegten, was sie tun sollten, ob sie sich 
dem Schiffahrtstrust anschließen oder wel: 
»hen Weg sie sonst einschlagen sollten. Sie 
ıaben endlich, nach langen Verhandlungen, 
einen außerordentlich klugen Vertrag abge: 
schlossen, einen ganz anderen Vertrag, als 
er ihnen ursprünglich vorgelegt worden war. 
Beide Schiffahrtsgesellschaften unterwarfen 
sich nicht dem Morgantrust, sondern 
schlossen mit ihm eine Interessengemein- 
schaft, die Ausgleichszahlungen vorsah. 
Offenbar haben beide Männer, im Gegensatz 
zu den Engländern und Amerikanern, die 
auf der anderen Seite verhandelten, die vor: 
aussichtliche Entwicklung der nächsten 
Jahre viel richtiger eingeschätzt; sie haben 
eine absteigende Konjunktur vorausgefühlt 
und infolgedessen einen so klugen Vertrag 
Zeschlossen, daß sie Zahlungen von dem 
Morgantrust erhalten, aber nie solche dort: 
hin geleistet haben. — 
Fragen wir nun, meine sehr verehrten 
Herren, nach den Methoden der wirt: 
schaftlichen Prophezeiung! Das ist ja die 
Frage, die vielleicht am meisten interessiert: 
wenn das wirtschaftliche Prophezeien not- 
wendig ist, wenn es von einigen Seiten mit 
3roßer Geschicklichkeit geübt worden ist — 
äßt sich dann vielleicht dieses Voraus: 
berechnen der wirtschaftlichen Zukunft er; 
lernen? 
Man könnte die wirtschaftlichen Prophe- 
zeiungen vielleicht nach fünf verschie: 
denen Typen unterscheiden. Die erste 
möchte ich die Blindlingsprognose nennen,
	        
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