Full text : Wirtschaftspolitische Tagesfragen

anschlag, Disposition, Planung, Prognose,
Prophezeiung usw.
Der volkswirtschaftliche Konjunkturdienst
 befaßt sich mit der wirtschaftlichen
Prognose. Will man sich über das Wesen
der wirtschaftlichen Prognose klar werden,
so muß man sich vergegenwärtigen, daß
schon in dem Begriff der Wirtschaft das
Moment der Prognose enthalten ist. Denn
wirtschaften bedeutet ja planmäßige Bedarfsdeckung,
 planmäßige Güterversorgung.
Jeder Plan aber enthält Überlegungen über
die Zukunft, schließt also das Moment der
Prognose in sich ein. Die Planungen sind
nun verschiedener Art. Beim Staat kennen
wir sie etwa als Voranschläge, beim Unter:
nehmer treten sie nicht in so scharf um:
rissener Form hervor, spielen aber bei ihm
eine um so wichtigere Rolle. Denn wäh:
rend eine Nichterfüllung des fiskalischen
Voranschlags nur Konflikte mit dem Rechnungshof
 nach sich zieht, bestraft eine
falsche Planung das Unternehmen mit Ver:
lusten, wenn nicht mit Bankrott.
Die Prognose des volkswirtschaftlichen
Konjunkturdienstes ist nun aber von dem:
selben Fleisch und Blut wie die Pläne, die
Dispositionen der Unternehmung. Die Kon:
‚unkturprognose bedeutet zunächst nichts
anderes als eine Zusammenfassung, einen
Überblick über die sämtlichen Dispositionen
der Unternehmen. Freilich sind besondere
Methoden erforderlich, um diese Dispositionen
 zu beobachten, da wir sie direkt
nur zum geringsten Teil wahrnehmen.
5olcher Methoden gibt es aber eine große
Reihe: Feststellung des Auftragsbestandes,
Beobachtung der Rohstoffeinfuhr, der
Lagerbestände, der Verschuldung lassen
entscheidende Rückschlüsse auf die Dispositionen
 der Unternehmen zu. Soweit die
Konjunkturprognose nichts anderes tut, als
diese Dispositionen zu eruieren, verfährt
sie nach dem englischen Grundsatz: Only
prophesy, if you know; prophezeie nur das,
was Du sicher weißt. Die Dispositionen
der Unternehmungen wirken sich nun frei:
lich nicht immer im Sinne der Unternehmungen
 selbst aus. Nach unseren Er-{ahrungen
 kann der Unternehmer im allge:
meinen selbst wohl nur für 3 Monate mit
einiger Sicherheit die Wirkungen seiner
Pläne vorausbeurteilen. Damit erkläre ich

ss mir jedenfalls, daß die Prognosen des
nstituts für Konjunkturforschung, die jez
weils für drei Monate gestellt werden, sich
jisher immer bewahrheitet haben. Darüber
ıinaus ist eine Prognose deswegen sehr
schwierig, weil die Dispositionen oft in
änem späteren Zeitpunkt das Gegenteil
von dem erreichen, was sie bezwecken.
Wenn sich beispielsweise die Unternehmer
z‚erschulden, was der Konjunkturdienst an
ler Höhe der Kapitalemissionen erkennt,
50 weist dieser Umstand darauf hin, daß
lie Unternehmerschaft sich engagieren
will, daß also ein Aufschwung bevorsteht.
Sind die Gesamtengagements zu groß, so
stoßen sich schließlich im Raum die Sachen,
ınd es entsteht Überproduktion, Lageriberfüllung,
 Absatzstockung. Das ist eine
ıngewollte Wirkung, deren Eintreten beim
3eginn des Aufschwungs natürlich noch
:icht mit Sicherheit vorausgesehen werden
zann. Hier also liegen die Grenzen der
?rognose.

Erstrecken wir die Prognose auf einen
ängeren Zeitraum, etwa auf den eines
Tahres, oder gar auf. 5 oder 10 Jahre, dann
jeraten wir auf das gefahrenreiche Gebiet
der Prophezeiung. Ohnehin halte ich das
Wort „Prophezeiung“ für etwas zu stolz.
Die Prophezeiung nimmt in Anspruch „wahr
zu sagen“. Der Herr Vorredner dachte
ıber nur an methodische Zukunftsüberegungen.
 Für diese könnte man vielleicht
zin anderes Wort gebrauchen. Man könnte
zielleicht von Trendprognose oder von
Strukturprognose sprechen — freilich auch
cein schönes Wort. Aber die Sache selbst
verdient nicht, wie eine okkulte Erscheiıung
 gemieden zu werden. Die Beschäftizung
 mit den allgemeinen Entwicklungsinien
 der Jahrzehnte und der Jahrhunderte
st Aufgabe sowohl der rückblickenden wie
ler vorausschauenden Betrachtung. Es gibt
:ine ganze Reihe von Problemen der „Trend-»rognose“,
 die eines wissenschaftlichen
Unterbaues fähig sind: etwa die Bevölke-:ungsentwicklung,
 die Zukunft des Geldwertes
 wie des Zinswertes, die Beziehungen
zwischen Bevölkerungswachstum und Nahungsspielraum.
 Das Institut für Kon-‚unkturforschung
 wird jedenfalls die Bez
nandlung solcher Fragen mit in den Bereich
;einer Arbeiten einbeziehen.
            
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