Full text: Wirtschaftspolitische Tagesfragen

kommen muß und kommen wird, besonders 
wenn man daran denkt, daß wir von der 
einzelstaatlichen deutschen Wirtschafts: 
politik doch endlich auf europäische Wirt- 
schaftspolitik zusteuern müssen, wie es uns 
ja die Industrie im Westen auf manchem 
Gebiete schon vorgemacht hat. (Sehr rich; 
tig!) Aber, meine Herren, wenn ich der 
Meinung bin, daß wir allmählich zu einem 
europäischen, wenn ich es so ausdrücken 
darf, Freihandelssystem kommen werden 
und kommen müssen, so kann ich trotzdem 
an dieser Stelle aussprechen, daß man in 
diesen Dingen auch nicht nur parteipolitisch 
eingestellt vorgehen muß, sondern mehr ge- 
schäftsmäßig. (Sehr richtig!) Als praktischer 
Ladenbesitzer muß man eben seine Politik 
so einrichten, wie sie unter den gegebenen 
Verhältnissen des Tages, des Monats und 
der Stunde richtig ist. Das hat mit einer 
grundsätzlichen Stellung und der Ihrigen 
nichts zu tun. Es werden manche unter 
Ihnen sein, die anders denken als ich. Aber 
ich bin der Meinung, daß wir in diesen 
Fragen rein praktisch und nicht rein theo- 
retisch und ideologisch vorzugehen haben. 
Nun stehe ich auf dem Standpunkt, 
nachdem ich generell feststelle, daß Zoll: 
schutz und Handelsvertrag nur im Inter- 
esse aller Erwerbsstände behan: 
delt werden können, daß wir nach Wegen 
suchen müssen, auf denen wir der Land; 
wirtschaft, deren Bedeutung wir ja voll: 
kommen anerkennen, helfen können; und 
ich glaube, es tut der Landwirtschaft keinen 
Eintrag, wenn wir in diesem Gremium diese 
Fragen einmal in 10 oder 15 Minuten er: 
Örtern, obwohl sie in der Öffentlichkeit 
schon besprochen werden und obwohl sie 
bei der Beratung der Richtlinien des Not- 
programms viel Beachtung gefunden haben. 
Einschalten möchte ich auch an dieser 
Stelle — das bitte ich, mir nicht übel- 
zunehmen —: ich bin der Meinung, daß es 
eigentlich eine komische Einrichtung in 
Deutschland ist, daß Parlament, Regierung 
und andere Berufsstände sich hinsetzen und 
einem anderen großen Berufsstand Richt: 
linien für seine Wirtschaft geben müssen. 
(Sehr richtig!) Ich bin der Meinung, daß 
an und für sich nach den alten. Grundsätzen 
des Lebens immer noch das Wort das rich- 
tige ist: Hilf dir selber, dann hilft dir Gott! 
(Sehr richtig!) 
Ich bin der Meinung, daß man den Staat 
nicht zu sehr zu solchen Hilfsstellungen und 
Hilfsleistungen heranziehen sollte, weil man 
dann auf der anderen Seite sich auch nicht 
beschweren kann, daß er Eingriffe in die 
Wirtschaft vornimmt. (Sehr richtig!) Von 
diesem Standpunkte aus betrachtet, bin ich 
mit diesem Notprogramm, mit diesen Richt: 
inien und der Hilfsstellung an sich von 
meinem Standpunkte als Produktionsmann 
nicht einverstanden. Aber das nur nebenbei! 
Wenn ich mir aber die Landwirtschaft 
ansehe, so vermisse ich jede konsequente 
Organisation, wie sie in anderen Staaten 
längst durchgeführt ist. Ich bemerke, daß 
ich durchaus nicht die Absicht habe, an 
dieser Stelle den Handel in meinen Aus: 
‘ührungen auszuschalten. Im Gegenteil! Ich 
din der Meinung, daß der Handel in seinen 
Irganisationen eine seiner größten Auf- 
jaben: darin erblicken kann, seinerseits 
Jlurch Unterstützung von solchen Selbst: 
ıilfeeinrichtungen einem großen Berufs: 
;tande mit auf die Beine zu helfen, weil alle 
Jliese Dinge dem Landwirt ja gar nicht 
liegen. Dieser wird ausgebildet in der 
Ackerbearbeitung, in der Viehwirtschaft, er 
lernt technische Dinge. Aber niemals wer: 
den Sie gehört haben, daß auf landwirt: 
schaftlichen Schulen oder auch an der land: 
wirtschaftlichen Hochschule von kaufmän: 
nischen Dingen auch nur mit einem Wort 
die Rede ist. Und dem landwirtschaftlichen 
Betrieb — das kann ich hier gleich sagen, da 
ıch im Nebenamt auch einen Betrieb habe 
ınd das weiß — geht es in kaufmännischer 
Beziehung in Deutschland außerordentlich 
schlecht, und zwar deswegen, weil wir 
sinerseits drei Genossenschaftssysteme in 
Jeutschland haben, die zum Teil mit aller 
Energie gegeneinander arbeiten. Ich habe 
mir das in Hessen-Nassau angesehen; da 
sitzen in Dörfern von 100 oder 120 Wirt- 
schaften drei Genossenschaften nebenein- 
ander und machen sich gegenseitig Kon: 
kurrenz, obwohl sie doch alle dieselben Ar- 
tikel, Stickstoff, Kali usw. nur handeln 
können, anstatt sich gemeinschaftlich zu 
organisieren. Und andererseits sind diese 
Organisationen einseitig aufgebaut. Wir in 
Deutschland können wie auf manchen ande- 
ren Gebieten ja hinsichtlich der Organisa- 
tion manches für uns in Anspruch nehmen, 
wir gelten in Europa als Organisatoren. Ich 
ände, daß es nicht überall der Fall ist. (Sehr 
richtig!) Wir haben in Deutschland vor 
allen anderen Staaten voraus vor Jahr- 
zehnten die landwirtschaftliche Genossen- 
Schaft gehabt. Ich brauche nur an Namen 
wie Raiffeisen, Schulze-Delitzsch 
zu erinnern. Alle diese Organisationen sind 
im wesentlichen als Produktionsorganisa: 
ijonen und noch stärker als Kreditorganisa: 
tionen aufgebaut worden. Sie beschäftigen
	        
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