Full text: Wirtschaftspolitische Tagesfragen

meinem Empfinden, daß wir den Handels- 
vertrag haben müssen; sonst geht unser 
Osten zugrunde; darüber ist gar kein 
Zweifel —, dann suche ich nach Wegen, wie 
ich dem Schweineproblem beikemmen kann. 
Und wenn man uns die Aufgabe geben 
würde, diese 200 000 Schweine vom Markt zu 
beseitigen, so müßte man bei der Einfuhr 
von Wurst usw. anfangen, die zur Zeit ver- 
boten ist und die immerhin viele Millionen 
Mark im Jahre betragen hat. Es müßte eine 
Kleinigkeit sein, diese 200 000 Schweine z. B. 
für das Ruhrgebiet zu verarbeiten. Es ist 
eine Tagesleistung, 500 Schweine zu Wurst 
und Schinken zu verarbeiten; das ist doch 
gar nichts, wenn man bedenkt, daß in 
Chicago an einzelnen Tagen 20000 und 
mehr Tiere geschlachtet werden, wenn Sie 
berücksichtigen, daß wir an Hauptmarkt- 
tagen hier auf dem Berliner Schlachtviehhof 
an einem Tage einen Auftrieb von 22 000 bis 
27 000 Schweinen haben. Da kann ein Be- 
trag von 500 Schweinen am Tage wirklich 
das Kraut nicht fett machen. Da muß ich 
sie eben an einer Stelle verarbeiten, wo sie 
nicht stören. Wie unpraktisch ist der Vieh- 
transport vom Osten nach dem Westen ge- 
regelt. Wir fahren das Vieh in Ostpreußen 
lebend nach dem Schlachtviehhof in Königs- 
berg. Dort wird es in Güterzügen nach 
Berlin verladen. Wer diese Transporte wie 
ich in 1000 Fällen hat kontrollieren müssen 
— ich habe im Kriege die preußischen Vich- 
handelsverbände kaufmännisch geleitet —, 
der weiß, was ruiniert wird, was an Gewicht 
verlorengeht. Ich habe damals den Vor- 
schlag gemacht, man soll doch in Königs- 
berg das Vieh schlachten und geschlachtet 
in Kühlwagen hierher bringen. Das scheiterte 
natürlich an dem Widerspruch der Stadt 
Berlin, die die Schlachthofgebühren haben 
will (Heiterkeit); das ist ganz Sselbstver- 
ständlich. Aber es kann sich doch die 
Landwirtschaft nicht darum kümmern, was 
der Kommune paßt oder nicht paßt; sie hat 
von sich aus vorzugehen. Wir beziehen das 
Gefrierfleisch aus Argentinien. Das kann 
die Reise 6 Wochen übers Meer vertragen; 
und wir können nicht in Eilgüterzügen in 
12 oder 14 Stunden von Ostpreußen das 
geschlachtete Vieh hierher bringen! Das 
ist gar keine Leistung an sich. Es ist 
lächerlich für Leute, die im Geschäftsleben 
stehen. 
Auch die Rationalisierung in der Land; 
wirtschaft muß ganz andere Schritte an: 
nehmen trotz des Kapitalmangels oder 
gerade wegen des Kapitalmangels. Bei der 
Berufszählung im Jahre 1925 ist, glaube ich, 
estgestellt worden, daß wir bei insgesamt 
‚iner Million Betrieben, die Maschinen vers 
venden können, nur 7700 motorische Pflüge 
n Deutschland haben. Ja, so können wir 
ıatürlich nicht weiter arbeiten. Die Ge: 
‚ossenschaften müssen das auch in die Hand 
ıehmen, genau so, wie das sonst geschieht. 
Nenn Sie die Durchschnittspreise sehen und 
sehen, welche Gesetze in Dänmark gemacht 
worden sind, so finden Sie, daß eine müh- 
‚elige Aufbauarbeit nötig ist. Durch Ge; 
;etze, durch Zölle können wir nicht viel 
nehr machen. Ich halte den Herren von 
ler Landwirtschaft entgegen: wir haben 
loch jetzt die Zölle, wir haben den Kar- 
‚offelzoll in die Höhe gesetzt, wir haben 
etzt hohe Getreidepreise, wir hatten sie 
‚uch schon vor 6 Monaten, wo wir für den 
Roggen 10 RM. hatten — das entspricht min- 
lestens der Friedensparität. —, wir haben 
lamals ganz gute Schweinepreise gehabt, sie 
ind jetzt zurückgegangen, weil wir eine 
)berproduktion von 5: bis 600 000 Schweinen 
jegenüber der Vorkriegszeit haben und über 
»in kleineres Absatzgebiet verfügen. Wir 
ıaben auch jetzt etwa 300000 Kühe mehr 
ıls früher. Wir haben also eine Mehrproduk- 
:jon, die sich natürlich auf dem Markt aus- 
wirkt. Ob man da durch die Konjunktur- 
voraussicht oder Prognose etwas ändern 
zann, kann ich nicht sagen; das müssen die 
Ierren Vorredner entscheiden. (Heiterkeit.) 
\ber nach meiner Meinung muß man bei 
ler Betrachtung der Dinge diese organisa- 
-orischen und kaufmännischen Dinge in den 
Vordergrund stellen. Ich bin der Ansicht, 
laß sie viel wichtiger sind als der ganze 
Zoll und die ganzen Handelsvertragsver- 
‚andlungen. Man muß einen ganz anderen 
zaufmännischen Sinn in die Landwirtschaft 
ıineinbringen als er jetzt herrscht. Ich 
;tehe auf dem Standpunkt, daß der Land- 
wirt nicht allein kulturtechnisch und 
ıgrartechnisch vorgebildet sein muß, son- 
lern auch maschinentechnisch, vor allem 
ıber auch kaufmännisch; denn es ist un- 
:aufmännisch, wie es manchmal geschieht, 
ien Roggen zurückzuhalten, um einen mög; 
ichst hohen Preis zu erzielen, sondern es 
‚andelt sich darum, auf der gleichen Basis 
‚einen Roggen umzusetzen und sich in den 
ınderen Sachen einzudecken, was man in 
ler Landwirtschaft ja machen kann, denn 
zewöhnlich, durchweg gerechnet, ist die 
Parität auf allen Gebieten des Einkaufs wie 
{es Verkaufs immer von Spekulationen ab- 
jesehen gleichmäßig. Wenn ich meinen 
Roggen verkaufen kann, kann ich an dem 
Tage ruhig Kali und Stickstoff einkaufen.
	        
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