preußen, wo der König von Preußen in Be-
gleitung des Landrats eines Kreises zu Be:
such kommt. Er fährt in einem Hohlweg,
vor ihm ist ein Bauerngespann. Der Kut-
scher ruft dem Bauern zu: Platz für den
König von Preußen!, worauf der Bauer nur
ein verächtliches Achselzucken hat und
sagt: was schert mich der! Darauf erhebt
sich der neben dem König sitzende Land:
rat und brüllt ihm zu: Müller, Platz!, worauf
sich der Bauer entsetzt umdreht und sagt:
mein Gott, der Herr Landrat! (Heiterkeit),
Es herrschte nun einmal vor dem Kriege
die allgemeine Überzeugung, daß die Staats-
gewalt für den Landwirt so vorzüglich
sorge, daß er selbst nicht allzuviel Anlaß
hatte, sich noch selbst um allgemeine Fragen
zu kümmern. Es gab, aus der Caprivi-Zeit
herausgeboren, nur eine wirkliche Kampf-
organisation, den Bund der Landwirte, der
rein zentralistisch aufgezogen war, pro:
vinzielle und Kreisorganisationen von
irgendwelcher Bedeutung so gut wie gar
nicht hatte. Diese Einstellung ist endgültig
durch die Zwangswirtschaft erschüttert
worden. Die Zwangswirtschaft hat nicht
nur die deutsche Landwirtschaft technisch
um mindestens ein Jahrzehnt zurückge-
worfen, sie hat auch ein fast unüberwind-
liches Mißtrauen gegen den Staat und, wie
ich leider hinzusetzen muß, gegen andere
Berufsstände, vor allen Dingen gegen Handel
und Industrie, gezüchtet. Gerade wer sich,
wie ich seit Jahren nunmehr, dafür einsetzt,
daß ein besseres Verständnis zwischen In-
dustrie und Landwirtschaft eintreten möge,
der stößt immer wieder, und zwar oft mit
innerer Erschütterung, auf eine instinktive
oft fast krankhafte Abneigung des Bauern
gegen den Städter. Sie zu überwinden, wird
es noch der Arbeit vieler Jahre erfordern.
Eine Folge der Zwangswirtschaft war eine
völlig veränderte Einstellung des Bauern
gegenüber dem Organisationswesen. In der
Zeit unmittelbar nach der Revolution
schossen in einzelnen Kreisen die bäuer-
lichen Organisationen auf wie die Pilze. Es
gab fast in jedem Kreise zwei, drei, vier
wirtschaftspolitische freie Organisationen,
die zu einem größeren Teil außerordentlich
radikal, und zwar politisch sowohl wie wirt:
schaftspolitisch, eingestellt waren. Es hat
ja hier der Reichslandbund keine allzu gute
Nummer erhalten. Aber ich glaube, man
muß es doch als ein bleibendes Verdienst
des Reichslandbundes anerkennen, daß es
ihm in diesen Jahren gelungen ist, die zahl-
losen miteinander nicht zusammenhängen:
den Organisationen zusammenzufassen und
sie letzten Endes — das wird mir auch Herr
Dr. Weber zugeben müssen — in den Dienst
des Staates zu stellen. Ich glaube, daß das
als ein bleibendes Verdienst der Reichs-
landbundorganisation anzuerkennen ist.
Aus der Entwicklung der Landbund:-
organisation, der ich die Organisation der
Bauernvereine gleichstelle, ergab sich eine
ganz außerordentliche Steigerung des
Machtbewußtseins der bäuerlichen Bevölke-
rung, eines Machtbewußtseins, das freilich
nur allzuoft im umgekehrten Verhältnis zu
der tatsächlich vorhandenen Macht steht,
mit dem aber auch in der Industrie ge-
rechnet werden muß. Es äußert sich einmal
in einem oft geradezu erstaunlichen Drang
nach Selbständigkeit der einzelnen Unter:
arganisationen. Bei den Wahlen äußert es
sich in einer Unzufriedenheit mit den Par-
teien, die oft nicht mehr überboten werden
kann und die sich ja gerade bei den jetzigen
Wahlen ausgewirkt hat in der Aufstellung
allerhand eigener Listen; es äußert sich
schließlich auch in Forderungen an Staat
und Wirtschaft. Und hier möchte ich doch
stwas optimistischer urteilen als mein Herr
Vorredner. Ich glaube, daß die Auffassung,
alle Hilfe vom Staate zu erwarten, ich will
zinmal sagen, die historische Einstellung,
loch stark im Zurückweichen begriffen ist.
Man sieht allgemein ein, daß die Rettung
nicht nur vom Staate allein erwartet wer-
den kann, daß vielmehr auch die Selbsthilfe
des Berufsstandes einzutreten habe. Aber
zine weitere sehr bedenkliche Folge des
Machtbewußtseins ist es, daß man nun
aeben der Selbsthilfe zu rein gewerkschaft-
ichen Mitteln seine Zuflucht zu nehmen
sucht (Sehr richtig!); dem Steuerstreik und
lem Käuferstreik. Meine Herren, ich
glaube, daß es doch richtig ist, wenn ich
gerade hier in diesem Kreise auf diese Frage
ganz kurz eingehe.
Es ist bedauerlicherweise in einzelnen
Teilen der Landwirtschaft seit einigen
Monaten, vor allen Dingen aber in den
letzten Wochen, eine Bewegung entstanden,
die durch organisierten Käuferstreik die
Lage der Landwirtschaft zu bessern sucht.
Ich glaube, daß diese Entwicklung nur mit
äußerster Sorge zu betrachten ist; ich
möchte erklären — ich stehe selbstver-
ständlich hier nur als Privatperson und
nicht als Vertreter einer Organisation —,
daß der Vorstand des Reichslandbundes die
Parole des Käuferstreiks nicht ausgegeben
hat. Von den Bauernvereinen gilt dasselbe.
Er vertritt lediglich die Auffassung, daß in: