Full text: Wirtschaftspolitische Tagesfragen

weisen, daß es andererseits nicht angängig 
ist, daß der Staat die Landwirtschaft in 
ihrer Entwicklung geradezu hemmt. Ich 
glaube, wir können ruhig aussprechen, daß 
das in den letzten Jahren geschehen ist. 
Das ist geschehen durch Untergrabung der 
Arbeitslust auf dem Lande durch eine viel 
zu weitgehende Sozialpolitik, durch eine Art 
der Erwerbslosenversicherung, die sich ins- 
vdesondere auf dem Lande in verhängnis- 
voller Weise auswirkt. Das ist durch den 
Staat geschehen; daran ist aber die Industrie 
zum Teil mit schuldig — und das sollte sie 
offen sagen — indem sie tatenlos zusieht, 
wie der Zug landwirtschaftlicher Arbeiter 
nach der Stadt, besonders nach dem Westen, 
sich immer mehr verstärkt. Es ist nicht im 
Interesse der deutschen Industrie, wenn wir 
diesen Zug verstärken, um ein Loch auf der 
einen Seite zuzudecken, auf der anderen ein 
viel größeres aufzureißen. Es ist auch nicht 
angängig, daß durch dauernde Steuern, die 
ganz unabhängig vom Ertrage erhoben wer- 
den, die schon so schwierige Lage der Land- 
wirtschaft in immer katastrophalerer Weise 
beeindruckt wird. Die Landwirtschaft 
stöhnt unter der Last übergroßer Schulden. 
Woher kommen denn die Schulden? Ein 
sehr großer Prozentsatz der landwirtschaft- 
lichen Schulden rührt lediglich aus Steuern 
her. Man weiß ganz genau, daß die Land: 
wirtschaft nichts verdient und kein bares 
Geld hat. Trotzdem werden von der Land: 
wirtschaft Jahr für Jahr, und zwar mit 
härtesten Zwangsmaßregeln und Beitreibun- 
gen, Steuern erhoben. Wenn es überhaupt 
geglückt ist, die Steuern in den letzten 
Jahren einzuziehen, so ist es immer nur 
dadurch möglich gewesen, daß im letzten 
Augenblick der Landwirtschaft eine Art 
Kampferspritze.in Gestalt von Krediten bei- 
gebracht wurde. Dem einzelnen Landwirt, 
der 20 000 RM. Steuerschuld hatte, gab man 
einen Kredit von 22 000 oder 25000 RM. und 
sagte: sei doch einmal ruhig, du bekommst 
einen neuen Kredit, damit kannst du deine 
rückständigen Steuern bezahlen und be- 
kommst noch 2000 RM. extra. Und jetzt 
wundert man sich, daß diese Kredite ein: 
gefroren sind. Also es wäre sehr inter: 
essant — ich habe die Frage schon einmal 
aufgeworfen —, festzustellen, wie groß 
denn der Prozentsatz der landwirtschaft- 
lichen Schulden ist, der lediglich durch 
Steuerzahlungen hervorgerufen ist. (Zuruf: 
Das ist gar nicht festzustellen.) — Nein, das 
ist gar nicht festzustellen. Aber jedenfalls 
ist dieser Prozentsatz außerordentlich be- 
deutsam. 
Ich will nur auf diese beiden Punkte 
ıinweisen. Ich glaube, es ist absolut not: 
wendig, wenn wir uns öffentlich mit der 
‚andwirtschaft beschäftigen, daß wir auch 
las nicht verkennen und nicht etwa die 
Lage, wenn auch richtig, so doch zu einseitig 
larstellen. Das wollte ich mit diesen Aus- 
‘ührungen gern bezwecken. (Beifall.) 
Dr. August Weber: 
Ich möchte nur einige Worte ergänzend 
len Ausführungen des ersten Herrn Redners 
ı1achfügen. Meine Mitteilungen über die 
Forderungen des Reichslandbundes habe ich 
ler Landbundzeitung vom Januar ent- 
ı1o0mmen, in der wörtlich steht: 
Wir stellen folgende Forderungen auf: 
Wir! — 
Kein neuer Handelsvertrag mit weiterer 
Preisgabe des landwirtschaftlichen 
Schutzes, keine autonome Herabsetzung 
'etzt in Kraft befindlicher landwirtschaft- 
icher Zollsätze, kein neuer Handelsver- 
rag mit allgemeiner Meistbegünstigung, 
Verbot der Einfuhrbeseitigung aller zoll: 
ireien usw., sofortiges Wiederinkraft- 
setzen des $ 12 des Fleischbeschaugesetzes, 
Verbot der Einfuhr von lebendem Vieh, 
Neugestaltung des Zolltarifs mit dem 
Ziel, daß die autonomen Zollsätze für. die 
landwirtschaftlichen Erzeugnisse eine 
wirksame Waffe im Handelsvertragsver- 
kehr sind. 
‘Herr Freiherr von Wilmowsky: Vom 
April!) — Vom Januar! (Herr Freiherr von 
Wilmowsky: Der Brief ist später ge- 
schrieben!) Ich habe das dort entnommen. 
Dann habe ich Ausführungen, die Herr 
Graf Kalckreuth gemacht hat, seiner Rede 
vom Februar 1928 entnommen. Die lauten: 
Eine wesentliche Exportsteigerung ist 
seit dem Dawes-Abkommen nicht einge- 
treten. 
Das ist ein Irrtum. Sie ist um 40 Prozent 
höher. Er sagt dann weiter am 23. Februar 
1928: 
Das Ausland will unsere Ware nicht. 
Der Export hat keine Steigerungsaus- 
sichten. 
Wenn wir uns darauf verlassen müßten, 
verehrter Herr Landrat, ich glaube, dann 
wären wir in der deutschen Wirtschaft ver- 
oren. Ich stehe gar nicht auf dem ein- 
‚eitigen Standpunkt, gegen die Landwirt- 
schaft zu sprechen. Ich wollte für sie
	        
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