Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

298 Zehntes Buch. Erstes Kapitel. 
Den Deutschen allein ward die Gunst solcher Lage versagt. 
Nach Süden zu abgeschlossen durch den gewaltigen Gebirgsriegel 
der Alpen, nach Norden zu begrenzt durch die lange Zeit un— 
gastlich empfundenen Weiten zweier Meere, entbehrte unser Volk 
von jeher sicherer geographischer Grenzen nach West und Osten. 
In gewaltigen Schwankungen haben sich hier die nationalen 
Bestandteile zwischen Weichsel und Maas, ja über die Maas 
hinaus bis zum Ärmelkanal bewegt, bald diese, bald jene 
Grenzen gedrängt erfüllend oder volksleer zurücklassend; und 
diese Schwankungen haben bis tief in die Jahrhunderte der 
Neuzeit hinein eine endgültige Lokalisierung der deutschen Kultur, 
ihre Einordnung in unverrückbare geographische Bedingungen 
verhindert. Darum sind die heutigen Hauptstädte deutscher 
Kultur vielfach junge Städte, deshalb freilich ist auch die 
deutsche Kultur gleichmäßiger über alle Teile deutschen Landes 
verbreitet, als die irgend sonst einer europäischen Nation; denn 
die geographischen Verschiebungen der Höhepunkte deutschen 
Wesens haben fast jede Landschaft einmal mit der führenden 
Stellung innerhalb der Nation bedacht. 
In vorgeschichtlicher Zeit saßen unsere Urahnen zwischen 
Weichsel und Elbe; die Ostseeküsten sahen ihr reichstes Leben; 
namentlich jener Südostwinkel des Meerbeckens, der Lübeck und 
Kiel birgt, scheint damals die Höhen germanischer Kultur 
umfaßt zu haben. 
Dann kam die Zeit der ersten großen Völkerwanderung. 
Noch hielten die Germanen alle Länder zwischen Weichsel und 
Elbe besetzt, aber sie drangen wohlgeschart weiterhin vor bis 
zum Rhein, ja bis zur Maas, und sie füllten in dünnen Heeres⸗ 
zügen auch Süddeutschland zwischen Böhmerwald und Wasgen⸗ 
wald, bis die Stimme Cäsars ihnen Halt zurief. Und während 
sich nun an Rhein und Donau germanisches Wesen mehrere 
Jahrhunderte hindurch immer mehr staute gegenüber den Krieges⸗ 
dämmen des Imperiums, begann im Osten die zweite Völker⸗ 
wanderung. Die alte Heimat der Germanen entleerte sich, die 
Völker zwischen Elbe und Weichsel zogen dem Süden zu als 
das Salz der neu zu bildenden romanischen Nationen, und
	        
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