13. Kapitel. Die Arbeiter Wohnungsfrage.
401
die vielen engeren und weiteren Vereine und die nationalen und inter
nationalen Kongresse, die sich mit der Frage befassen, die wiederholten
Resolutionen des Reichstags in der Angelegenheit, das keineswegs
geringe tatsächliche Eingreifen von Behörden und Privaten mit prak
tischen Maßregeln, alles das zeigt, wie weit verbreitet und lebhaft die
Überzeugung ist, daß es nötig ist, sich hier nicht in theoretische Unter
suchungen zu verlieren, sondern tatkräftig die bessernde Hand anzu
legen, um Mißständen abzuhelfen oder vorzubeugen.
§ 2. Aufgabe, Träger und Richtungen der Wohnungsreform. Die
Arbeiterwohnungsfrage hat, wie erwähnt, insofern einen internatio
nalen Charakter, als gewisse Ursachen, die zu einer unzulänglichen
Befriedigung des Wohnungsbedürfnisses führen, allenthalben — wenn
auch mit großen Unterschieden im einzelnen — wirksam sind. Auch
die Wohnungsreform ist in gewissem Sinne internationalen Charakters.
Denn sie hat überall dasselbe allgemeine Ziel. Das Ziel besteht darin
daß die Arbeiter geräumiger, gesunder und billiger wohnen als bisher.
Die Frage aber, wie dieses Ziel im einzelnen auszugestalten sei, läßt
sich nicht allgemein beantworten. Gerade die Wohnungsfrage wird
so sehr von den Verhältnissen, Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten
der einzelnen Orte beeinflußt, daß man sich vor schematischer Be
zeichnung des Zieles und der Wege und Mittel der Wohnungsreform
unbedingt hüten muß. Wenn bisweilen mit einer gewissen Einseitigkeit
das Ziel dahin bezeichnet worden ist, es komme darauf an, das Wohnen
in Massenmiethäusern zu verdrängen und durch das Wohnen der Ar
beiter in eigenen kleinen Häusern zu ersetzen, so darf das ohne weiteres
als nicht allgemein zutreffend bezeichnet werden. Das Cottagesystem
ist in vielen Orten überhaupt nicht anwendbar, weil die verfügbare
Bodenmenge eine solche Bauweise nicht gestattet; es ist auch nicht
überall das gesunde System, weil in manchen Gegenden Wohnräume dicht
über dem Erdboden feucht, kühl und ungesund sein würden, und eben
sowenig ist es schlechthin als das billigere System zu bezeichnen, muß
vielmehr für manche Gegenden als das teuerste gelten. Die Arbeiter
zum Eigentümer ihres Hauses zu machen, ist gewiß vielfach sehr er
wünscht und zweckmäßig; es kann aber auch unerwünscht und unzweck
mäßig sein, weil es den Arbeiter an den Ort fesselt und ihm dadurch
die durch allgemeine oder besondere wirtschaftliche Verschiebungen
nötig werdende Verwertung der Arbeitskraft an anderen Orten er
schwert. Man muß sich hüten, die Verhältnisse in dieser Beziehung
zu sehr festzulegen.
Es kommt also vor allem darauf an, das allgemeine Ziel der
Wohnungsreform unter sorgfältiger Anpassung an die besonderen ört
lichen Verhältnisse, Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten zu erreichen.
Von vornherein wird man dabei auch damit rechnen müssen, daß die
van der Borght, Grundz. d. Sozialpolitik. 26