Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

13. Kapitel. Die Arbeiter Wohnungsfrage. 
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die vielen engeren und weiteren Vereine und die nationalen und inter 
nationalen Kongresse, die sich mit der Frage befassen, die wiederholten 
Resolutionen des Reichstags in der Angelegenheit, das keineswegs 
geringe tatsächliche Eingreifen von Behörden und Privaten mit prak 
tischen Maßregeln, alles das zeigt, wie weit verbreitet und lebhaft die 
Überzeugung ist, daß es nötig ist, sich hier nicht in theoretische Unter 
suchungen zu verlieren, sondern tatkräftig die bessernde Hand anzu 
legen, um Mißständen abzuhelfen oder vorzubeugen. 
§ 2. Aufgabe, Träger und Richtungen der Wohnungsreform. Die 
Arbeiterwohnungsfrage hat, wie erwähnt, insofern einen internatio 
nalen Charakter, als gewisse Ursachen, die zu einer unzulänglichen 
Befriedigung des Wohnungsbedürfnisses führen, allenthalben — wenn 
auch mit großen Unterschieden im einzelnen — wirksam sind. Auch 
die Wohnungsreform ist in gewissem Sinne internationalen Charakters. 
Denn sie hat überall dasselbe allgemeine Ziel. Das Ziel besteht darin 
daß die Arbeiter geräumiger, gesunder und billiger wohnen als bisher. 
Die Frage aber, wie dieses Ziel im einzelnen auszugestalten sei, läßt 
sich nicht allgemein beantworten. Gerade die Wohnungsfrage wird 
so sehr von den Verhältnissen, Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten 
der einzelnen Orte beeinflußt, daß man sich vor schematischer Be 
zeichnung des Zieles und der Wege und Mittel der Wohnungsreform 
unbedingt hüten muß. Wenn bisweilen mit einer gewissen Einseitigkeit 
das Ziel dahin bezeichnet worden ist, es komme darauf an, das Wohnen 
in Massenmiethäusern zu verdrängen und durch das Wohnen der Ar 
beiter in eigenen kleinen Häusern zu ersetzen, so darf das ohne weiteres 
als nicht allgemein zutreffend bezeichnet werden. Das Cottagesystem 
ist in vielen Orten überhaupt nicht anwendbar, weil die verfügbare 
Bodenmenge eine solche Bauweise nicht gestattet; es ist auch nicht 
überall das gesunde System, weil in manchen Gegenden Wohnräume dicht 
über dem Erdboden feucht, kühl und ungesund sein würden, und eben 
sowenig ist es schlechthin als das billigere System zu bezeichnen, muß 
vielmehr für manche Gegenden als das teuerste gelten. Die Arbeiter 
zum Eigentümer ihres Hauses zu machen, ist gewiß vielfach sehr er 
wünscht und zweckmäßig; es kann aber auch unerwünscht und unzweck 
mäßig sein, weil es den Arbeiter an den Ort fesselt und ihm dadurch 
die durch allgemeine oder besondere wirtschaftliche Verschiebungen 
nötig werdende Verwertung der Arbeitskraft an anderen Orten er 
schwert. Man muß sich hüten, die Verhältnisse in dieser Beziehung 
zu sehr festzulegen. 
Es kommt also vor allem darauf an, das allgemeine Ziel der 
Wohnungsreform unter sorgfältiger Anpassung an die besonderen ört 
lichen Verhältnisse, Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten zu erreichen. 
Von vornherein wird man dabei auch damit rechnen müssen, daß die 
van der Borght, Grundz. d. Sozialpolitik. 26
	        
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