64 Geringe Ausbreitung des Sozialismus
Anspruch nehmen und erblickt in ihm nur eine Hinderung der
persönlichen Initiative. Wenn jemand die Verwirklichung so-
zialistischer Ideen anstrebt, so beweist er damit nur, daß er
ein Untüchtiger ist, der dem wirtschaftlichen Kampf nicht
gewachsen ist, und es entspricht durchaus einer allgemeinen
Auffassung, wenn man für Amerika den Sozialismus als die
Philosophie des Mißerfolgs bezeichnet hat9%6. Er galt auch
stets als etwas Unamerikanisches, und man konnte sich dabei
mit einem gewissen Recht darauf berufen, daß früher seine
Führer im Ausland Geborene, namentlich Iren und Deutsche
waren, und daß die Träger sich in der Hauptsache aus den un-
gelernten, unamerikanisierten Arbeitermassen rekrutierten, also
Menschen, die noch nicht wissen konnten, daß sie in „God’s
own land“ leben. Wer sozialistischen Gedankengängen nach-
hängt — und zwischen Sozialismus, Kommunismus und Anar-
chismus wird meist kein Unterschied gemacht —, wer „radi-
kaler‘ Tendenzen verdächtig ist oder sich in der Agitation
betätigt, versündigt sich am Geiste Amerikas. In keinem Lande
ist wohl der Sozialismus weniger gesellschaftsfähig als in den
Vereinigten Staaten; aber nicht nur von der Bekleidung öffent-
licher Ämter sind seine Anhänger und die auch nur mit
Jeisestem Verdacht Behafteten ausgeschlossen, sondern das
Volk selbst geht nur zu oft mit Gewalt gegen sie vor, und
die Gerichte behandeln sie mit äußerster Härte 97. Ein Mann
wie Upton Sinclair findet für seine Schriften keinen Verleger.
Wie eine auch nur arbeiterfreundliche Gesinnung unter Um-
ständen genügte, um gewisse kapitalistische Kreise zu den