Strukturwandlungen der Weltwirtschaft
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größere Industriezweige angewiesen sind, die aber nicht im Lande exi-
stieren, obwohl sie dort zur Entfaltung gelangen könnten. Fast überall ist
die Volkswirtschaftspolitik auf Abstellung eines solchen als mißlich emp-
fundenen Zustandes bedacht. Neuerdings gilt dies auch für zahlreiche
überseeische Gebiete, die, wie in anderm Zusammenhang schon angedeutet,
zunächst die Voraussetzungen für die erste Verarbeitung ihrer Landes-
erzeugnisse, die früher völlig unbearbeitet ausgeführt wurden, zu verwirk-
lichen suchen. Argentinien z. B. ist bemüht, die aus seiner Viehzucht
anfallenden Häute nicht nur selbst zu gerben, sondern auch den Gerb-
stoff im Lande herzustellen, den es früher aus Europa bezog, obwohl
er dort, von synthetischer Produktion abgesehen, aus argentinischem
Quebrachoholz hergestellt wurde. Australien sucht eine chemische In-
dustrie in der Richtung zu entwickeln, daß sie die »unabhängige« Ver-
hüttung seiner Erze gestattet. Unschwer ließen sich auch hier die Bei-
spiele häufen.
Die hier erfolgte Kennzeichnung der durch die industrielle Ent-
wicklung wirtschaftlicher Neuländer bedingten Problematik bedarf in
gewissem Sinne der Ergänzung. Die Bewegung ist nicht ohne Gegen-
bewegung. Denn die negativ betroffenen Raumwirtschaften sind bestrebt,
die in den Rohstoffländern erfolgende Aneignung der kultürlichen Pro-
duktionsfaktoren durch deren Fortentwicklung im eigenen Wirtschafts-
raum zu kompensieren. Zweifellos bietet sich hierfür noch erheblicher
Spielraum, der erst in Menschenaltern ausgefüllt sein wird. Die grund-
sätzliche Seite des Problems wird dadurch aber nicht berührt, denn
schließlich kommt eben doch der Zeitpunkt, in welchem »alles gleich
geworden ist, was gleich gemacht werden konnte«. Dabei ergibt sich
allerdings die Frage, ob nicht doch »ewig« wirksame Unterschiede in
der Veranlagung und Fähigkeit zu industrieller Tätigkeit zwischen den
Völkern und Rassen bestehen und infolgedessen ein Ausgleich in den
kultürlichen Produktionsbedingungen niemals zu erwarten ist. Bekannt-
lich wird diese Frage überwiegend bejaht. Vielfach gilt es sogar als Dogma,
daß der weißen Rasse das eigentlich Schöpferische in Technik und Wirt-
schaft vorbehalten sei. Zum Beweise wird auf Japan verwiesen, von dem
behauptet wird, daß seine industrielle Entwicklung sich notwendig in
den Grenzen halten müsse, die durch, die spezifische Begabung zur bloßen
»Nachahmung« gezogen seien. Ich selbst stehe diesen Rassentheorien
mit ihren Schlußfolgerungen auf »industriell-kapitalistische Begabung«
einigermaßen skeptisch gegenüber, sowenig ich den berechtigten Kern,
der ihnen innewohnt, übersehe. Mich dünkt, daß die Gegenüberstellung
von »weiß und farbig« dem Problem überhaupt nicht gerecht wird. Wie
es innerhalb der weißen Rasse im Hinblick auf industriell-kapitalistische