Bernhard Harms
Die Kautschukrestriktion ist an sich nichts grundsätzlich Neues.
Die Kaffeevalorisationen Brasiliens liegen auf derselben Ebene, d. h. sie
wurden gleichfalls unter staatlicher Autorität durchgeführt. Aber von
dieser rein marktmäßigen Manipulation bis zur gesetzlichen Regelung
der Produktion ist es doch ein beträchtlicher Schritt. Es darf an-
genommen werden, daß diese Entwicklung symptomatisch ist und in
Zukunft noch stärker in die Erscheinung treten wird. Mehr oder weniger
durchgesetzt hat sie sich, außer für die genannten Güter, bis heute schon
für Sisalhanf, Chilesalpeter, Kali, Zinn, Chinin, Quecksilber und Que-
bracho. In die gleiche Entwicklungsrichtung fallen ja auch die westeuro-
päischen Eisenpaktverhandlungen, bei denen die beteiligten Staaten zum
mindesten Pate stehen. In der Schiffahrt bahnen sich ebenfalls inter-
nationale Abreden unter staatlicher Mitwirkung an. Im Grunde Kegt
hierin freilich schon der Anfang einer neuen Entwicklung, indem nicht
ein Staat sonderraumwirtschaftliche Preis- und Kontingentierungspolitik
betreibt, sondern mehrere Staaten sich zu gleichem Zwecke zusammen-
finden. Der Franzose Loucheur sieht in der konsequenten Weiterführung
dieser Ansätze bekanntlich die Hauptaufgabe der bevorstehenden Welt-
wirtschaftskonferenz.
Ein besonderes Kapitel raumwirtschaftlicher Rohstoffpolitik liefern
die Ereignisse im Sudan. England, Abessinien und Italien führen einen
erbitterten Kampf um das Nilwasser, das jedes dieser Länder zur Be-
fruchtung großer neuer Baumwollfelder zu benötigen erklärt. Wie die
Dinge heute liegen, besteht für Ägypten die Gefahr, daß ihm durch die
Stauanlagen im Sudan das Wasser abgegraben wird, und anderseits ist
für die Staubecken im englischen Sudangebiet zu befürchten, daß sie
leer bleiben, weil das Wasser größtenteils bereits in Abessinien und in
italienischen Gebieten über die Felder geleitet wird. In früheren Zeiten
würde es darüber mutmaßlich schon längst zu gewaltsamen Auseinander-
setzungen gekommen sein. Heute hat England den Plan, die Schwierig-
keiten durch ein Schiedsgerichtsverfahren über das Nilwasser-Recht zu
überwinden. Diese Verhältnisse stellen nur einen kleinen Ausschnitt dar
aus den Entwicklungsmöglichkeiten und Interessenkollisionen im »dunklen
Erdteil«, der die große Reserve der Weltwirtschaft und des Kapitalismus
ist, was gemeinhin viel zu wenig beachtet wird.
Endlich sei darauf hingewiesen, daß Raumwirtschaftspolitik neuer-
dings auch entscheidende Strukturwandlungen in der interhationalen
Wanderbewegung herbeigeführt hat. Das klassische Land der Ein-
wanderung bis in die Kriegszeit hinein waren die Vereinigten Staaten
von Amerika. Raumwirtschaftspolitische Erwägungen und Maßnahmen
mannigfaltiger Art, auf die hier nicht mehr eingegangen werden kann,
haben dies Ventil im wesentlichen geschlossen. Die Folge ist, daß einer-