Full text : Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

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standesmäßig zuerst erkannt hat. Daß so gearteter Kapitalismus, der
mit »Mehrwerterpressung« im Sinne marxistischer Doktrin nichts gemein
hat, sich auch in Europa ausbreite, ist nicht nur aus wirtschaftlichen,
sondern ebensowohl aus sozialen Gründen das Gebot der Stunde. Ob
Unternehmer und Arbeiter dies erkennen, ist nicht zuletzt für Deutschland
 schicksalbestimmend... .
Wollte ich für die These vom lebendigen Kapitalismus den Beweis
antreten und seinem Wirken in allen Teilen dieser Welt nachgehen,
so müßte ich nicht den Bruchteil eines Vortrages, sondern die vierstündige
 Vorlesung eines Wintersemesters zur Verfügung haben. Immerhin
 sei in diesem entscheidenden Punkt etwas mehr gesagt, als es im
weiteren Verlauf des Vortrages möglich ist.
In der Vorkriegszeit war der Geldmarkt der Welt London. Auch
der größte Teil der im eigentlichen Sinne internationalen exploitierenden
überseeischen Unternehmungen war hier eingetragen. In den Jahren
der Hochkonjunktur 1911 bis 1913 war die Mark kühn genug, mit dem
Pfund in Wettbewerb zu treten, während der Dollar sich bescheiden im
Hintergrund hielt. Wie anders heute! Leider sind wir nicht in der Lage,
die internationalen Kapitalverschiebungen insgesamt zu erfassen. Nach
den darüber vorliegenden Statistiken, die den öffentlich-rechtlichen
Gläubigerstandard recht gut, den Wandel in den Bewegungen des Wirt-Schaftskapitals
 aber nur unvollständig widerspiegeln, ergibt sich das folgende
 Bild: das Nettoguthaben Europas in Überseegebieten belief sich
in der Vorkriegszeit auf annähernd 100 Milliarden Mark. Heute beträgt
die Nettoschuld Europas mehr als 30 Milliarden Mark. Die Vereinigten
Staaten von Amerika waren vor dem Kriege mit etwa 16 Milliarden
Mark an Europa verschuldet, während heute die Verschuldung Europas
an die Vereinigten Staaten rund 60 Milliarden Goldmark beträgt. Frankreich
 und Deutschland, die vor dem Kriege 50 bzw. 30 Milliarden Mark
Nettoguthaben im Auslande hatten, sind heute in der internationalen
Verpflichtungsbilanz Schuldner geworden, Deutschland auch ohne Berücksichtigung
 der Reparationsverpflichtungen. Großbritannien, ehemals
 mit 60 Milliarden Goldmark Auslandguthaben das erste Gläubigerland
 der Welt, hat zwar — die Reparationsforderungen eingerechnet —
Seinen Vorkriegsstand wieder erreicht, ist aber von den Vereinigten
Staaten überflügelt worden; es vermag jährlich 2 Milliarden Goldmark
im Auslande anzulegen, die Union hingegen das Zwei- bis Dreifache.
Diese Zahlen zeigen einerseits die Verschiebungen in der Finanzkraft
 Europas und Amerikas, wobei allerdings bemerkenswert ist, daß
Sich England, absolut genommen, auf Vorkriegshöhe gehalten hat,
anderseits, daß es sich eben nur um Verschiebungen handelt, während
Sich im Wesen von Kapitalanlagen im Auslande nichts geändert hat.
            
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