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Funktion hatten: ein Heiliger für die Winzer, einer für die
Heuernte, eine Heilige, die bei Kindesnöten half uswp Gott
var also mit dieser Umgebung ein Abbild des Kaisers oder
des Papstes mit ihren untergeordneten weltlichen und
geistigen Mächten. Und unter all diesen Engeln und Hei—
ligen stehen die Menschen, lebende und tote: Ein Abbild
der irdischen Gemeinden und des irdischen Volkes. Die
Produktions- und Eigentumsverhältnisse auf Erden, die
hdersönliche Abhängigkeit der Fürsten, Adligen, Bischöfe,
Abte, Leibeigenen und des Volkes wurden von den herr—
schenden Klassen einfach als die Wirkung, die Schöpfung
Jjerade einer solchen himmlischen Gesellschaft dargestellt, die
war auch unbegreiflich war, aber gerade wegen ihrer Gött—
lichkeit nicht richtig begriffen zu werden brauchte. Und die
naiven Glaͤubigen nahmen in ihrem Drang, die Gesellschaft,
den geheimnisvollen Menschengeist und das „Gute“ und
das „Böse“ zu begreifen, diese Darstellung an.
Nie, zu keiner uns bekannten Zeit war die Religion
so deutlich die Widerspiegelung der Gesellschaft. Der Geist
schuf ein himmlisches Bild der irdischen Gesellschaft. Nie
war sie auch so sehr ein Mittel zur Unterdrückung als sie es
in der katholischen Kirche war und noch ist. Denn die Him—
melsordnung soll doch gewiß auch auf der Erde bestehen!
Dies änderte sich wiederum, als die Städte immer
mehr emporkamen.
Der Stadtbürger in Italien, Süddeutschland, den
Hansastädten, in Frankreich, Flandern, England, den
Niederlanden wurde durch Handel und Industrie mächtig
und selbständig. Er befreite sich aus den drückenden
Banden, worin der Adel ihn gefesselt hielt.
Der Besitz von Kapital, das nur ihm gehörte, womit
er tun konnte, was er wollte, machte ihn zu einem freien,
unabhängigen Individuum, das nicht mehr von der
Gnade eines Herrn abhängig war. Erstand der Ge—
sellschaft anders gegenuber adls der Hörige,
aus dessen Stand er oftmals hervorgegangen war, anders
auch als der Adlige oder der Geistliche
Weil er sich in der Gesellschaft anders fühlte, fühlte
er sich anders gegenüber der Welt. Und darum brauchte er
eine andere Religion, denn in der Religion drückten die
Menschen dasjenige aus, was sie als ihr Verhältnis zur
Welt empfanden.
Weil er mit seinem Kapital, das er sich mit seiner In—
dustrie, seiner Technik und seinem Handel erworben hatte,
in der Welt tun konnte, was er wollte, weil er ökonomisch