Full text: Der historische Materialismus

— 110 — 
die die Bedürfnisse schuf, schuf auch die Mittel zur Befrie— 
digung dieser Bedürfnisse. 
Die Klasse, die vor allem die neuen Wissenschaften 
brauchte, um hre Technik und ihren Profit zu vergrößern 
und die alten reaktionären Klassen der Grundbesitzer, des 
Adels und der Geistlichkeit zu überwinden, also die indu— 
striellen und Handelskapitalisten, die in der Politik die 
Aberalen heißen — diese Klasse sah immer mehr das Ge— 
setzliche und Natürliche aller Erscheinungen in der Natur 
und der Gesellschaft ein; bei ihr verschwand die Religion 
fast völlig. Was bei ihnen von der Religion übrig blieb, 
var der irgendwo tief im Hintergrund ihres Bewußtseins 
lebende Gedanke, der für die Praxis ohne Wert war, „viel— 
leicht gibt es doch noch einen Gott“. 
Die Modernen und Freireligibsen, die in der Religion 
den Abexralen in der Politik entsprechen, brauchen Gott 
nur noch dazu, die Begriffe „gut“ und „böse“ zu erklären, 
oder, wie sie es nennen, ihren „sittlichen“ Bedürfnissen zu 
genligen, und um den Geist, dessen Wesen ihnen auch jetzt 
loch ein Rätsel ist, aus einer übernatürlichen Quellen ent— 
springen lassen zu können Für die Natur und für einen 
uten Teil des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens 
brauchen sie schon keinen Gott mehr; die Wissenschaft, die 
sich auf die Technik stützt, hat sie schon genug darüber auf— 
geklärt. 
Auf diese Weise hat der moderne Kapitalismus da— 
durch, daß er die Welt immer besser verstehen ließ, seit den 
Tagen Luthers und Kalvins die Religion immer mehr 
verfeinert, mmer verschwommener, weltentrückter, unwirk— 
licher gemacht. Man haͤt es mir in reaktionären, freisinni— 
gen, sogar in sozialistischen Kreisen sehr verübelt, als ich 
Anmal schrieb, daß die Religion wie ein feiges Gespenst 
gesenkten Hauptes von der Erde flüchte. Und doch wurde 
Zamit nur die Tatsache festgestellt: die religibsen Vor— 
stellungen werden immer gespenstischer. Nur untergehende 
Klasseu, wie die Kleinbürger und die Bauern, und reaktio— 
naͤre Klassen, wie die Großgrundbesitzer mit ihren Ideolo— 
gen, leben noch mit Ueberzeugung in Vorstellungen frühe— 
er Jahrhunderte; der Mehrzahl der besitzenden Klassen und 
hrex Inlelligenz ist nur noch ein Schatten der Religion 
übriggeblieben, oder sie heucheln eine Religion, sei es, um 
das Proletariat zu knebeln, sei es aus anderem Grunde. 
Die durch die Entwicklung der kapitalistischen Produktion 
geschaffenen Kenntnisse haben der Religion Fleisch und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.