Full text: Der historische Materialismus

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Bein genommen, ihr nur noch ein gespenstisches, ethisches 
Dasein gelassen. 
Dieselbe ökonomische Entwicklung jedoch, die der libe— 
ralen Bourgeoisie einen großen Teil der Religion genom— 
men hat, nimmt sie dem Proletariat ganz. 
Wir stellen nur eine Tatsache fest, wenn wir behaupten, 
daß das Proletariat immer mehr religionslos wird 
Auch das ist ebenso gesellschaftlich-⸗natürlich wie alle 
Aenderungen im religiösen Denken, die wir bis jetzt be— 
handelt haben. 
Wir fanden im allgemeinen als Ursache der Religion 
die Herrschaft unverstandener Mächte. Die Naturkräfte, 
die gesellschaftlichen Mächte, die man nicht versteht und von 
denen man sich doch beherrscht fühlt, werden vergöttlicht. 
Wie steht es nun in diesem Punkte mit dem modernen 
Proletarier, namentlich mit dem industriellen Arbeiter aus 
der Stadt, der inmitten des kapitalistischen Großbetriebs 
lebt? 
Daß die Naturkräfte keine unbegreiflichen Mächte dar— 
stellen, führt ihm die Fabrik vor Augen. Der Mensch kennt 
und beherrscht sie dort, er spielt mit ihnen, die ungezähmt 
die gefaͤhrlichsten Kräfte sind. Mag der Arbeiter sie auch 
theoretisch nicht kennen, praktisch werden sie von seiner 
Hand gezähmt, und er weiß, daß man sie kennt. 
Die gesellschaftlichen Kräfte dagegen, die die Ursache 
seines Elends sind, versteht der moderne Proletarier völlig 
Die kapitalistische Produktionsweise hat den Klassenkampf 
entfesselt, an dem er sich beteiligt; und der Klassenkampf hat 
ihn die kapitalistische Ausbeutung und den Privatbesitz als 
die Ursachen seiner elenden Lage und den Sozialismus als 
seine Rettung kennen gelehrt. Also gibt es für ihn weder 
n der Natuxr noch in der Gesellschaft etwas Uebernatür— 
liches. Er fühlt, daß es nichts in der Natur und der Ge— 
sellschaft gibt, was er nicht verstehen ba nn, wenn auch 
die Gesellschaft ihm vorläufig dazu die Gelegenheit porent— 
hält. Er fühlt auch, daß das, was jetzt noch für ihn und 
ur seine Klasse eine übermächtige Ursache des Elends ist, 
es nicht immer bleiben wird. Er weiß, daß der Klassen— 
kampf und die Organisation des Proletariats dem ein 
Eude bereiten wird Wo aber das Gefühl einer unbegreif— 
lüchen Uebermacht fehlt, da kommt die Religion nicht in ihm 
auf, oder wenn er sie früher hatte, stirbt sie weg. Ver sozia— 
listische Arbeiter ist daher auch nicht religionsfeindlich, son— 
dern er ist religionslos, Atheist. 
Wenn das schon für den „gewöhnlichen“ Arbeiter zu—
	        
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