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Arbeitslohn und Kapital.
Buch I.
denn eine Lehre, auf welche sich so wichtige Betrachtungen gründen,
welche von so gewichtigen Autoritäten gestützt, so plausibel und in so
hohem Grade fähig ist, in den verschiedensten formen wiederzukehren,
kann nicht mit einer Behauptung beseitigt werden.
Der Satz, den ich zu beweisen suchen werde, lautet:
„daß der Arbeitslohn nicht aus demKaxital, sondern
in Wirklichkeit aus dem Produkt der durch ihn be
zahlten Arbeit entnommen wird."
wir sprechen von Arbeit, die zur Produktion verwendet wird, auf
welche es sich der Einfachheit wegen empfiehlt, unsere Untersuchung
zu beschränken. Alle Fragen, die beim Leser über den Lohn unpro
duktiver Dienste entstehen könnten, lassen wir daher vorläufig beiseite.
Nun kann dies, um so mehr als die herrschende Theorie, wonach die Löhne
dem Kapital entnommen werden, gleichzeitig auch behauptet, daß das
Kapital durch die Produktion wiedererstattet wird, aus den ersten Blick
wie eine Unterscheidung ohne Unterschied aussehen, wie ein bloßer
Tausch von Namen, worüber zu streiten nur jene unfruchtbaren Dispute
vermehren hieße, welche so vieles von dem, was über Nationalökonomie
geschrieben ist, so dürr und wertlos machen, wie die Kontroversen der
verschiedenen gelehrten Gesellschaften über die §wahre Bedeutung der
Anschrift auf dem von lUr. Pickwick gefundenen Steine. Daß wir es
hier aber nicht bloß mit einer formellen Unterscheidung zu tun haben,
wird sich ergeben, wenn berücksichtigt wird, daß sich auf dem Unter
schiede zwischen den beiden Sätzen alle die landläufigen Theorien über
die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit aufbauen; daß daraus
Lehren abgeleitet werden, welche, wenn man sie selbst als erwiesen
ansieht, die fähigsten Köpfe in der Erörterung der wichtigsten Fragen
binden, leiten und beherrschen. Denn auf die Voraussetzung, daß die
Löhne direkt aus dem Kapital und nicht aus dem Produkt der damit
beschafften Arbeit entnommen werden, gründet sich nicht bloß die Lehre,
daß der Arbeitslohn von dem Verhältnis zwischen Kapital und Arheit
abhängt, sondern auch die Lehre, daß der Gewerbfleiß durch das Kapital
begrenzt sei; daß sich Kapital angesammelt haben müsse, ehe Arbeit
beschäftigt werde, und Arbeit nicht beschäftigt werden könne, ehe nicht
Kapital angesammelt sei; daß jede Kapitalsvermehrung der Lrwerbs-
tätigkeit weiteren Spielraum gebe oder geben könne; daß die Um
wandlung umlaufenden Kapitals in fixes den für die Beschäftigung
von Arbeitskräften verwendbaren Fonds vermindere; daß mehr Arbeiter
Lei niedrigen als bei hohen Löhnen beschäftigt werden könnten; daß
das auf den Ackerbau verwendete Kapital mehr Arbeiter unterhalten
werde, als wenn es in Fabriken angelegt fei; daß der Kapitalgewinn
hoch oder niedrig sei, je nachdem die Löhne niedrig oder hoch sind, oder
daß er von den Kosten der Erhaltung der Arbeiter abhänge; es gründen
sich endlich darauf Paradoxen wie die, daß eine Nachfrage nach waren
nicht eine Nachfrage nach Arbeitskräften fei, oder daß gewisse waren