Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

232 VII Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts 
erfüllt betrachtet und glaubt, ihn als Bagatelle abtun zu können, wie es Som- 
bart getan hat%), Ganz im Gegenteil: die Oberschicht der Lübecker Kauf- 
mannschaft des 14. Jahrhunderts war von echtem, auf Gewinnstreben 
gerichteten Unternehmergeiste erfüllt. Von einem stark individualistischen 
Geiste, der nach voller wirtschaftlicher Freiheit drängte. Am Anfang des 
späteren Reichtums bei ihr stand nicht der Überschuß städtischer und länd- 
licher Grundrente, sondern die harte, den Reichtum erzeugende, aber auch 
adelnde Arbeit. Ich lasse einen dieser Kaufleute selber sprechen, Es ist der 
im baltischen Geschäft hochgekommene Bertold Rucenberg. Als er 1364 sein 
Testament macht, da sagt er von sich: „Von meinen Eltern habe ich nichts 
empfangen, weswegen ich irgend jemand verpflichtet wäre. Darauf will ich 
auch sterben. Denn was ich besitze, das habe ich mir von jungen Jahren an 
mit großer Mühe und Arbeit erworben‘“®). Wie er, so haben die führenden 
Männer dieser Zeit sich durch Fleiß und kaufmännische Umsicht hoch- 
zearbeitet. 
Aber: um 1370 gab es nicht nur jene 4 Schichten in der Kaufmannschaft, 
die ich in ihrem Verhältnis zum Gewandschnitt kurz zu charakterisieren 
versuchte. Aus der kaufmännischen Oberschicht hatte sich damals bereits 
wieder eine Rentnerschicht gebildet. Es ist von wesentlicher Bedeutung, 
daß um 1370 im Rate nicht mehr alle führenden Kaufleute vertreten sind; 
vergebens sucht man in ihm nach Namen wie Hinrich Berenstert oder den 
kaufmännisch so hervorragenden Camens. Andrerseits begegnen jetzt im 
Rate jene Leute, gegen die sich 1384 der Haß der Aufständischen richtet: 
das sind „die rike van gelde sind‘, die Rentnerschicht?). Diesmal 
hatte sie bessere Chancen, sich zu behaupten, als jene Rentnerschicht, die 
um 1280 über den Haufen geworfen wurde. Denn nach 1370 setzt keine 
stürmische Aufwärtsbewegung ein, sondern das Gegenteil. Die kräftige 
Belebung der Sundfahrt wirkt lähmend auf die wirtschaftliche Lage Lü- 
becks#’). Das Eindringen des englischen Tuchhandels in die Ostsee sowie die 
steigende Bedeutung des nordfranzösischen Salzes für die Versorgung der 
Ostseeländer sind einige Symptome einer Entwicklung, die sich je länger je 
mehr zum Schaden der Vormachtstellung Lübecks vollzog. Man begann in 
Lübeck zögernd und zurückhaltend zu werden. In dieser Luft gedieh die 
Rentnerschicht besser als in dem allzu frischen Wind, der 100 Jahre vorher 
nur den kraftvoll Vorwärtsstrebenden gut bekam. Diese Rentnerschicht 
war auf Beharren gerichtet, auf Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen 
Bedeutung von dem, was sie durch eigene Arbeit oder die Arbeit der Vor- 
fahren besaß, Und in diesem Bestreben, sich ihre Lebensführung zu sichern, 
fand sie sich zusammen mit ähnlichen Wünschen der Handwerker. Jetzt 
haben daher die Forderungen der Handwerker eine ganz andere Möglichkeit, 
im Rate Gehör zu finden. Wie ein Gespenst, lähmend und einengend, erhebt 
sich jetzt der Geist der geschlossenen Stadtwirtschaft als Wirt-
	        
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