Full text: Der historische Materialismus

83 — 
e Millerand, Briand und Clemenceau in Frank⸗ 
eiche 
Nehmen wir jetzt als drittes Beispiel einen Arbeiter 
Kann dieser seinem Unternehmer, dessen Klasse und 
dessen Staat gegenüber das hohe Gebot der Selbstauf— 
opferung befolgen? Nein, dabei würde er sich zu Tode 
schinden, seine Frau und seine Kinder würden vor Elend 
verkümmern. Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit wür— 
den ihn und seine Klasse zugrunde richten. Dagegen 
bäumen sich auch bei ihm die mächtigen Instinkte der Selbst⸗ 
erhaltung und des eeee mit all den ihnen 
verwandten urkräftigen Gefühlen der Kinder- und der 
Elternliebe auf. Er darf für den Kapitalisten, für den 
Staat nicht aufopfernd sein, denn sie stürzen ihn, wenn 
er sie unbehindert schalten laͤßt, ins Verderben, sie verur⸗ 
teilen ihn zur Sklaverei und vorzeitigem Tod. Die Ge— 
schichte lehrt, daß, wenn die Arbeiter nicht für ein besseres 
Los kämpfen, die Kapitalistenklasse sie aquf einen Punkt 
bringt, wo sie weder leben noch sterben können, und daß 
selbst die geringste Verbesserung Jahre der Austrengung 
kostet. Die Existenz des Arbeiters ist oft so lieblos, die Ar— 
beitslosigkeit, die Frauen⸗- und Kinderarbeit, die Krank—⸗ 
heitsfälle, die Konkurrenz unter den Arbeitern sind oft so 
unerträglich, so bar aller geistigen und körperlichen Ge— 
nüsse, deren Befriedigung doch so leicht möglich wäre, daß 
Selbstaufopferung für die kapitalisiische Klasse und ihren 
Staat nichts weniger als den Sturz von dem schmalen 
Rand, worauf der Arbeiter steht, den Sturz in den Tod 
bedeutet. Also kommt der Arbeiter gegenüber der Kapi— 
talistenklasse zum Gegenteil des hohen Sittengesetzes (das 
die Christen mit den Worten ausdrücken: liebe deinen 
Nächsten wie dich selbst); er kommt zum Kampf gegen die 
herrschende Klasse. 
Zwei ä sind für den bürgerlichen Politikes 
oder den Kapitalisten, der durch die Entwicklung der Technik und 
der Produktlonsweise in Gegensatz zur Arbeikerklasse zu stehen 
kommt, möglich Entweder erg esteht, daß er ihr gegenüber die 
Gebole der hoöchsten Sittlichleit nicht besolgen kann uünd nicht be— 
lgne Denn brd er hynisch er eerftickt mit einem es 
gehl nicht· die Stimme, die ihm dagt, was er elbst als 
Hut“ erkennt. Oder er sagt, daß er die hoöchste Sittlichkeit aner— 
kennt und befolgl. Dann wird er zum Heuchler, dessen Worte und 
Talen einander in scharfem Gegensatz stehen, der hinter klingen— 
den Worten seine unsozialen Taten verbirgt. Und besonders wider⸗ 
lich wird die n wenn fich, wie bei Kuhper, Religlon und 
Frömmigkeit zu ihr gesellen. — Solche Erscheinungen sind aber 
keine e Sünden, sondern, wie wir nachwiesen, eine not⸗ 
wendige Folge der Entwicllung der Produktivkräfte
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.