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e Millerand, Briand und Clemenceau in Frank⸗
eiche
Nehmen wir jetzt als drittes Beispiel einen Arbeiter
Kann dieser seinem Unternehmer, dessen Klasse und
dessen Staat gegenüber das hohe Gebot der Selbstauf—
opferung befolgen? Nein, dabei würde er sich zu Tode
schinden, seine Frau und seine Kinder würden vor Elend
verkümmern. Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit wür—
den ihn und seine Klasse zugrunde richten. Dagegen
bäumen sich auch bei ihm die mächtigen Instinkte der Selbst⸗
erhaltung und des eeee mit all den ihnen
verwandten urkräftigen Gefühlen der Kinder- und der
Elternliebe auf. Er darf für den Kapitalisten, für den
Staat nicht aufopfernd sein, denn sie stürzen ihn, wenn
er sie unbehindert schalten laͤßt, ins Verderben, sie verur⸗
teilen ihn zur Sklaverei und vorzeitigem Tod. Die Ge—
schichte lehrt, daß, wenn die Arbeiter nicht für ein besseres
Los kämpfen, die Kapitalistenklasse sie aquf einen Punkt
bringt, wo sie weder leben noch sterben können, und daß
selbst die geringste Verbesserung Jahre der Austrengung
kostet. Die Existenz des Arbeiters ist oft so lieblos, die Ar—
beitslosigkeit, die Frauen⸗- und Kinderarbeit, die Krank—⸗
heitsfälle, die Konkurrenz unter den Arbeitern sind oft so
unerträglich, so bar aller geistigen und körperlichen Ge—
nüsse, deren Befriedigung doch so leicht möglich wäre, daß
Selbstaufopferung für die kapitalisiische Klasse und ihren
Staat nichts weniger als den Sturz von dem schmalen
Rand, worauf der Arbeiter steht, den Sturz in den Tod
bedeutet. Also kommt der Arbeiter gegenüber der Kapi—
talistenklasse zum Gegenteil des hohen Sittengesetzes (das
die Christen mit den Worten ausdrücken: liebe deinen
Nächsten wie dich selbst); er kommt zum Kampf gegen die
herrschende Klasse.
Zwei ä sind für den bürgerlichen Politikes
oder den Kapitalisten, der durch die Entwicklung der Technik und
der Produktlonsweise in Gegensatz zur Arbeikerklasse zu stehen
kommt, möglich Entweder erg esteht, daß er ihr gegenüber die
Gebole der hoöchsten Sittlichleit nicht besolgen kann uünd nicht be—
lgne Denn brd er hynisch er eerftickt mit einem es
gehl nicht· die Stimme, die ihm dagt, was er elbst als
Hut“ erkennt. Oder er sagt, daß er die hoöchste Sittlichkeit aner—
kennt und befolgl. Dann wird er zum Heuchler, dessen Worte und
Talen einander in scharfem Gegensatz stehen, der hinter klingen—
den Worten seine unsozialen Taten verbirgt. Und besonders wider⸗
lich wird die n wenn fich, wie bei Kuhper, Religlon und
Frömmigkeit zu ihr gesellen. — Solche Erscheinungen sind aber
keine e Sünden, sondern, wie wir nachwiesen, eine not⸗
wendige Folge der Entwicllung der Produktivkräfte