Object: Neuzeitliche Krüppelfürsorge

Tatsache zeigt die Versäumnisse und die ernste Pflicht, nun mit doppel- 
tem Eifer Verfehltes wiedergutzumachen. 
Heute gibt es in Deutschland etwa 60 meist privat geleitete Krüp- 
pelanstalten, die auch schon vor Einführung des Preußischen Fürsorge" 
gesetzes in stiller, entsagungsreicher Arbeit gute Erfolge auf dem Ge- 
biete der Erziehung der jugendlichen Krüppel erzielt haben. Ein 
Hauptmerkmal der Krüppelpädagogik ist das, daß alles falsche, weich 
liche Bemitleiden und Bedauern von vornherein ausgeschlossen wird. 
Die Krüppelkinder haben selbst keinen größeren Wunsch, als wit 
normale Kinder behandelt zu werden. Gerade die verzärtelnde Nach- 
sicht, mit der viele schwache Eltern ihre gebrechlichen Kinder behandeln. 
führt zu einer bedenklichen Willensschwäche. Die Kinder verlieren det 
Glauben an sich selbst und an ihre eigene Leistungsfähigkeit. In an- 
deren Fällen sind die Krüppel zu Hause als eine Last empfunden wot- 
den. Man hat sie wie Stiefkinder behandelt, die man am liebsten los 
sein wollte. Das hat sie zu argwöhnischen, verbitterten Mensche" 
gemacht. Hier hat der Krüppelerzieher von Anfang an vieles z! 
berichtigen und wiedergutzumachen. Mit großer Liebe und Zartheit 
muß er den Spuren des Innenlebens eines jeden Krüppels nach- 
gehen. Mit unermüdlicher Geduld muß er versuchen, das Vertrauen 
seiner Pflegebefohlenen zu gewinnen und sich den Zugang zu ihren 
Herzen zu verschaffen. Dabei darf er es nicht an der nötigen Festigkeit 
fehlen lassen, sind doch viele Krüppel wie schwankende Rohre, bald 
himmelhoch jauchzend ~ bald zu Tode betrübt, die selbst einen festet 
Halt suchen. Manche Fehler haften gerade dem Krüppel an, denen det 
Erzieher mit liebevollem Verständnis entgegentreten muß; viele Krüp- 
pel sind außerordentlich eitel, besonders findet man bei verwachsenet" 
Mädchen den Hang, sich zu putzen und aufzufallen. Was ihnen durch 
ihre Veranlagung versagt ist, wünschen sie sich zuweilen brennend, z. B. 
das Heiraten. Voll Neid und Mißgunst sehen sie auf diejenigen Men- 
schen, die sich ungehindert bewegen können und so vieles erreichen, was 
ihnen versagt ist. Hier muß der Krüppelerzieher mit fester Hand de! 
Willen stählen. Das Bewußtsein muß in ihnen geweckt werden: „Ich 
kann, was ich will.“ Die geradezu bewundernswerten Leistungen der 
körperlich schwer Gebrechlichen in unseren Krüppelheimen sowohl in 
geistiger wie in technischer Hinsicht zeigen, wie berechtigt dieses Prin- 
zip ist. 
Hand in Hand mit der Willensstählung geht die Vermittlund 
eines möglichst vielseitigen Wissens. Jedes modern eingerichtete Krüp" 
pelheim hat heute eine mehrklasssige Krüppelschule, in der besonder 
vorgeschulte Lehrer und Lehrerinnen die Krüppel unter Schonung und 
Berücksichtigung ihrer Gebrechen unterrichten. Dabei werden die Kin- 
der in kleine Gruppen zusammengefaßt, da gerade die Krüppelschult 
ein möglichst individuelles Eingehen auf die Pfleglinge erfordert. Die 
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