Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
geregelten Repräsentativverfassung, die Nation in der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts schon stärker beschäftigt hätten, 
säßt sich nicht behaupten. Zu stark noch lebte der Geist des 
Absolutismus in der Wirklichkeit, um diese Fragen überhaupt 
zuzulassen, und zu entschieden stand dem Fürsten noch nichts 
als der einzelne Untertan gegenüber, als daß das Problem 
der Gesellschaft zu eingehender Erörterung gelangt wäre. Und 
so wurde schließlich die Frage nach der Durchbildung des 
nationalen Staates nicht von ihrer sozialen, sondern doch 
wieder nur von ihrer individuellen Seite aus erfaßt, so sehr man 
das Individuum schon als Subjekt ansah: und das will sagen 
als einen Mikrokosmos, als eine Welt von Trieben, Willens⸗ 
anlagen, Anschauungskräften: als etwas nicht Fertiges also 
und Unveränderliches, sondern als etwas ewig Werdendes, 
Aktuelles, Bildungsfähiges, zu Entwickelndes. Indem dies nun 
geschah, trat für das Problem eines künftigen subjektivistischen 
Staatslebens in Deutschland an erster Stelle und anfangs nicht 
so sehr die politische Organisation der Gesellschaft, wie die 
Durchbildung der einzelnen Persönlichkeit zu einem wirklichen 
Subjekt, zu einem im Sinne der Zeit modernen Menschen in 
den Vordergrund des Interesses: die Personen, meinte man, 
würden, wenn erst Subjekte, den ihnen gemäßen Staat dann 
schon selbst bilden; und die Frage nach der Entfaltung des 
subjektivistischen Staates verschob sich in die Frage nach der 
Entwicklung der subjektivistischen Erziehung. 
Wir werden dabei bald sehen, wie gründlich eben diese 
Frage die letzten Menschenalter wie insbesondere die letzten 
Jahtzehnte des 18. Jahrhunderts beschäftigt hat!, und wie 
von ihrer Beantwortung aus tatsächlich die Bildung der 
modernen Gesellschaft und des modernen Staates in Deutschland 
erfolgt ist. 
Aber bedeutete ein solcher Entwicklungsgang nicht eben 
ein starkes Hinausschieben der Entfaltung der eigentlichen 
Staatsprobleme? Der Untertan vor allem — als Gegenbild wo— 
S. unten Abschnitt III.
	        
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