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Das Bündnis
des Agrar- und Finanzkapitals
Gleich nachdem der Reichstag das „Notprogramm“” beschlossen
hatte, haben die großagrarischen Organisationen und Zeitungen
offen erklärt, daß sie dieses „Notprogramm” nur als einen „ersten
Anfang“, als eine „Abschlagszahlung“ für ihre viel weiter gehenden
Forderungen ansehen. Ihr eigentliches Ziel wurde in einem Antrage
der Bürgerblockparteien im preußischen Staatsrat folgendermaßen
knapp formuliert:
„Ein geschlossenes System innerlich aufeinander abgestimmter
Steuer-, Handels-, Sozial-, Verkehrs-, Kredit- und Kulturpolitik.“
Dieses System soll den politischen Ueberbau für die seit etwa
1924/25 planmäßig begonnene, jetzt im „Notprogramm‘” entscheidend
beschleunigte Umwälzung in der Technik, Organisation und Ge-
schäftsführung der kapitalistischen Landwirtschaft Deutschlands
bilden, die sich mehr und mehr „vom Boden befreit” und in eine
„‚agrarische Industrie‘ verwandelt,
In Deutschland hat dieser Prozeß, verglichen mit Nordamerika,
Holland und Dänemark, reichlich spät eingesetzt. Infolgedessen soll
er in verschärftem Eiltempo nachgeholt werden.
Das Problem der Rationalisierung und Industrialisierung der
landwirtschaftlichen Produktion wurde in Deutschland akut,
als sich herausstellte, daß mit der industriellen Rationalisierung
allein die Probleme der Währung, der Reparationszahlungen, der
Aktivisierung der Handelsbilanz nicht gelöst werden können. Die
Agrarkapitalisten sahen sich nach der Inflation fast vollständig von
Betriebskapital entblößt und vor die Frage gestellt, entweder zu ex-
tensivieren, d.h. alles bisher angelegte Boden- und Inventarkapital
verloren zu geben oder aber sich um neue Kapitalzufuhr, koste es
was wolle, bei den internationalen Großbanken zu bemühen, Auf
seiten des Finanzkapitals wuchsen aber zur selben Zeit die Ten-
lenzen, die ein Interesse an der „Entwicklung des Binnenmarktes”
hatten, Vergebens kämpfte ja die deutsche Industrie um die Zurück-
gewinnung der einstigen Vorkriegsabsatzmärkte. Die Handels- und
Zahlungsbilanz blieb passiv, und da kein Kapitalexport stattfand,
mußte das auf die Dauer zu einer Erschütterung der Währung führen.
So kam man denn in den Kreisen der Schwerindustrie und der
Großbanken zu der Parole der „Hebung der Kaufkraftder
Landwirtschaft”, was eben ihre Industrialisierung zur Vor-
aussetzung hatte, Die Parole wurde von den Agrarunternehmern
gierig‘ aufgegriffen. Auf beiden Seiten wurde das Problem in der
Presse, auf Tagungen und durch Besprechungen der Führer geklärt,
Das Ergebnis war schließlich ein immer festeres ökonomisch-politi-
sches Bündnis der ausschlaggebendsten kapitalistischen Schichten.