Wirtschaftsverifassung angesehen werden
larf. Wie sehr sich auch die äußere Form des Kapitalis-
mus durch Bindungen mannigfacher Art wandeln mag:
Kartelle, Konzerne, Selbstverwaltungskörper, Öffentliche
Betriebe, konsumgenossenschaftliche und gewerkschaftliche
Figenbetriebe — sie alle sind einzelwirtschaft-
liche Gebilde, deren rationelle Führung ohne
Preisbildungsprozeß nicht denkbar wäre. Und
deshalb hat es einen tieferen Sinn, wenn auch das wirt-
schaftsdemokratische Programm an anderer Stelle, frotz
lieser gewagten Ausdeutung der Entwicklungstendenzen
des Kapitalismus als „Keimzellen‘“ einer Demokratisierung
der Wirtschaft, behauptet, daß wir uns einstweilen natür-
ich noch mitten im Kapitalismus befänden.
Denn bei der grundsätzlichen Verschiedenheit der soziali-
stischen und der kapitalistischen Wirtschafsreform kann
2s gar nicht möglich sein, daß die Konkurrenzwirtschaft
lurch die ihr innewohnenden Monopolisierungs- und Kon-
zentrationstendenzen, . also durch ein „Abbiegen‘, eine
„Evolution“ überwunden wird:
der Uebergang zum Sozialismus kann niemals
ohne wirklichen Bruch eriolzen.
Auch darüber scheint- man sich nicht klar geworden zu
sein, daß die Mißerfolge, die zur scharfen Ablehnung des
cussischen Experiments geführt haben, viel weniger auf
Fehler in der Diktatur. der proletarischen Minderheit, als
auf die prinzipielle Systemlosigkeit der
sozialistischen Wirtschaft zurückgehen. Hätte
man dies gesehen, So hätte man mit der Ablehnung des
russischen Experimentes zugleich: auf das sozialistische
Endziel verzichten müssen. Statt dessen hat man das un-
bequeme Problem in die Zukunft verwiesen und ist einst-
weilen des Glaubens, daß man während einer langsam
aufbauenden sozialen Arbeit doch noch. zur Klarheit kom-
nen werde,
Daß die‘ praktischen Forderungen des wirtschafts-)
demokratischen Programms der freien Gewerkschaften so
formuliert sind, daß die Arbeit an ihrer Verwirklichung
zunächst völliginden Rahmen der kapitali-
sStischen Wirtschaft fällt, kann nach den bisherigen
Ueberlegungen nicht mehr überraschen. Man darf sich
aber durch die damit notwendig verbundene weitgehende
Uebereinstimmung mit dem sozialen Programm des Libe-
ralismus — man denke etwa an die Ausführungen des
Wirtschaftsberichtes der englischen liberalen Partei —
nicht über die im wirtschaftsdemokratischen Programm
liegenden Gefahren hinwegtäuschen lassen. Man darf
nicht übersehen: die Gesamtheit der sozialen Maßnahmen
ist jetzt auf ein Ziel ausgerichtet, das nicht zu verwirk-
lichen. ist, oder im Falle der Verwirklichung zum wirt-
schaftlichen Ruin führen müßte, Alle Maßnahmen
werden jetzt in falscher Beleuchtung. gesehen, Ihr vor-
nehmstes Ziel soll sein, mitzuhelfen an‘ der Ueberwindung
der kapitalistischen Verkehrswirtschaft, während doch be-
dacht werden müßte. daß